Was machen wir heute? : Zille besuchen

Lothar Heinke

Weil nun alle Welt zu den Franzosen in die Neue Nationalgalerie stürmt, dachten wir uns ein Kontrastprogramm aus. Hat auch mit Bildern zu tun und mit Kunst, die so um die hundert Jahre alt ist und ins Ressort „Lokales“ gehört. Einmal malte der Meister ein Werbeplakat für Berlin, das sogar aktuell ist: Aufrecht stehender Braunbär hält auf einem Arm einen fröhlichen Jungen im gestreiften Badeanzug, auf dem anderen ein lustiges Mädchen, und beide tragen eine rote Fahne. Wir sind bei Heinrich Zilles Leben und Werk, ausgebreitet im Viertel rings um die Nikolai-Kirche, wo einst jenes Berlin stand, das vor 20 Jahren als Kopie mit Gässchen, Kneipen und Cafés erbaut wurde. Das Heinrich-Zille-Museum wurde renoviert, nun bewegen wir uns in den frischen Räumen in der eigenen Welt des schnörkellosen, alten Berlin. 150 Bilder, Zeichnungen, Drucke, Aquarelle und Fotografien hängen da, allesamt nicht nur Beweise für die drastischen und realistischen Künste von Vater Zille, sondern auch Zeugen des Berlins der Jahrhundertwende mit seinen Proletariern, den Männern mit Schnauzbärten und Bizeps, den Frauen mit den großen Hüten und den wallenden Rüschenröcken über den dicken Hintern. Und unzähligen vorlauten Jöhren, die durch die engen Stuben und Hinterhöfe toben. Das waren ja keine Karikaturen, hinter dem Spaß steckte bitterer Ernst, der die Urgroßväter dieser Stadt in die Kneipen trieb. Zille war Chronist mit Kamera und Stift: Da zeichnet er fünf Kinder von hinten, eins dreht sich um und sagt: „Vater wird sich freu’n, wenn er aus’t Zuchthaus kommt, det wir schon so ville sind!“ Weshalb der „Abort- und Schwangerschaftszeichner“, wie ihn ein böser Kritiker bezeichnet, in die heilige Kunst-Akademie kam, wie er zum Filmstar und Fotografen wird, erzählt ein Film zum Milieu-Maler mit dem breitkrempigen Hut, der da am Kleiderhaken hängt. Als ob Vater Zille mal kurz inne Destille . . . Lothar Heinke

Zille-Museum mit Shop, Propststr. 11, täglich 11 bis 19 Uhr, Eintritt 4 Euro.

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