Was machen wir heute? : Zocken

Wie eine Mutterdie Stadt erleben kann

Heike Jahberg

Banker oder Finanzinvestor möchte man in diesen Zeiten nicht sein. Nun ja, vielleicht fällt trotz der Krise doch noch ein Bonus ab. Aber unterm Strich ist das Leben in der Finanzbranche derzeit nicht besonders lustig. Das Image ist saumäßig, und wer kann, bleibt in der Deckung. Kapitalisten und Finanzleute werden zur Zeit nicht besonders geschätzt. Im Gegenteil: Angesichts der Wirtschaftskrise, in der die ganze Welt steckt, stellen nicht nur die Altlinken den Kapitalismus in Frage, sondern auch Normalbürger schwärmen von einem gerechten und nachhaltigen Wirtschaftssystem.

Auch wir träumen natürlich davon, unseren Kindern ein schuldenfreies Deutschland, ein gutes Bildungssystem und eine solide Rentenversicherung zu hinterlassen. Doch wir wissen: Die Realität wird anders aussehen. Denn wir spielen Monopoly.

Vor kurzem hatten wir einen lieben Gast, einen engen Verwandten. Der wohnte einige Tage bei uns. Eines Abends holten wir das Monopoly-Spiel aus dem Schrank. Seitdem fegt der raue Wind des Kapitalismus durch unser Wohnzimmer. Unser Gast hat alles gekauft, was ihm möglich war – Straßen, E-Werk, Bahnhöfe. Dann hat er unsere Tochter als Agentin eingesetzt. Gegen eine Provision von zehn Prozent hat sie seine Mieten angezogen. Er hat Erbbaurechte eingeführt und ist in Exklusivverhandlungen über Vorzugskäufe eingetreten. Die Kinder haben zunächst gestaunt, aber sie haben schnell gelernt. Und sie sind auf den Geschmack gekommen. Gestählt durch den Crashkurs in Kapitalismus haben sie sich „Monopoly World“ gekauft. Hier gibt es kein Bargeld mehr, nur Kreditkarten. Und auch die Summen sind höher. Jetzt geht es um Millionen.

Noch ist das alles Spiel. Doch was mag noch kommen? Vielleicht gehen die Kinder später zur Bank. Dort erfinden sie dann neue Finanzprodukte und stürzen die Wirtschaft in den Abgrund. Und ich bin schuld. Heike Jahberg

„Monopoly World“ kostet knapp 40 Euro. Wer Kindern Wirtschaft erklären will, kann mit ihnen aber auch die Wirtschaftsseiten des Tagesspiegels lesen – jeden Tag neu.

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