Was machen wir heute? : Zuhören und schweigen

Anselm Neft

Dass der Sex in der DDR besser war als in der alten Bundesrepublik, ist bekannt.“ So steht es in einer Buchrezension zum gerade erschienenen DDR-Roman „Der Sturz des Friedrich Voss“. Ich stelle meine Kaffeetasse ab, lese den Satz ein zweites Mal und komme mir doof vor: Alle wissen das also, nur ich habe es verpennt.

So wie damals die Sache mit den Bienen und den Hummeln. Aber selbstverständlich leuchtet mir die Sache sofort ein: In der DDR gab es keine katholischen Internate. Ich selbst bin im Rheinland ins jesuitisch geführte Aloisiuskolleg gegangen und führe meine sexuelle Inkompetenz sowie ein gewisses Spätzündertum darauf zurück.

Dennoch muss auch die Frage erlaubt sein, ob der Buchrezensent den Menschen der neuen Bundesländer nicht einen Bärendienst erweist. Nicht lange, und die Erwartungen an ihre Liebhaberfähigkeiten wachsen ins Unermessliche. Bald schon werden Bayern und Westfalen in Sachsen und Thüringen einfallen und Nachhilfe und Aufbaukurse fordern. Trostlose Sextouristen aus erotischen Entwicklungsländern wie Rheinland-Pfalz könnten ihnen folgen, der Druck auf die Menschen im Osten würde wachsen und schließlich vielleicht sogar zu einem Verlust der hohen Standards führen.

Vielleicht wäre es klug, 20 Jahre nach dem Mauerfall ein Mäntelchen des Schweigens über die Vorzüge des Ostens zu breiten. Allerdings sollte ich als Unwissender besser selbst schweigen, denn: „Was soll schon dabei herauskommen, wenn ein Wessi über das Leben in der ehemaligen DDR schreibt?“ So fragt der Rezensent und vergibt für den minutiös recherchierten Roman von Ralph Hammerthaler einen von fünf Sternen. Ich empfehle sehr, sich die Antwort auf diese Frage selbst zu geben – am besten nachdem man das Buch gelesen oder zumindest einige Passagen daraus gehört hat. Anselm Neft

„Der Sturz des Friedrich Voss“ – Lesung mit Ralph Hammerthaler, am heutigen Donnerstag um 21 Uhr im Roten Salon der Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte, Telefon: (0180) 5003849.

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