Was machen wir heute? : Zum Glockenspieler aufsteigen

Lothar Heinke

Für den, der sich hier nicht auskennt, kommt es sehr überraschend, dieses Geläute hoch vom Turm, immer wieder sonntags um drei. Es übertönt den Straßenlärm und strömt wie Sphärenklang an unser Ohr. Die Blicke tasten sich am eleganten Labradoritgestein 42 Meter hoch bis zur oberen Plattform des Carillonturms. Die ragt über die Bäume des Tiergartens, zwischen Tipizelt und Kanzleramt; der schwarze Musiktower hat in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag. 1987, zur Berliner 750-Jahr-Feier, spendierte Daimler-Benz den Viermillionenbau zum Andenken an die im Krieg zerstörten Carillons der Berliner Parochial- und der Potsdamer Garnisonkirche.

Das Carillon wäre nichts ohne den Glockenspieler, den Carilloneur. In Berlin ist das Mister Jeffrey Bossin, der vor 21 Jahren aus Santa Monica nach Berlin kam und seither mit dem Instrument über dem Haus der Kulturen der Welt verwachsen ist. Er spielt nicht nur jeden Sonntag sein Konzert für „die da unten“, die da lauschen und am Ende ihren Applaus in den Himmel schicken, nein, er bittet nach dem Konzert die Zuhörer ins Allerheiligste – 187 Wendeltreppenstufen hoch keuchend, zur Spielkabine und zum Aussichtsgeschoss. Wir erfahren, dass im Turm 68 Glocken mit insgesamt 48 Tonnen Gewicht hängen, die größte davon wiegt 7,8 Tonnen. Sie baumeln nicht, sind fest installiert und werden mit einem Klöppel zum Klingen gebracht. Zu diesem Behufe bearbeitet Jeffrey Bossin das Instrument am Stock-Spieltisch nach Noten mit Fäusten und Füßen. So stark die Füße schlagen! Das Repertoire reicht von Bachs „Air“ über die Mozart’sche „Zauberflöte“ bis zu den Modernen, zehn Stücke klingen durch den Sonntagnachmittag, im Biergarten am Zollpackhof verstummen die Gespräche, die Stadterklärer auf den Ausflugsschiffen halten einen Moment inne, und wir erraten das „Summertime“ und bewundern Tiergarten und Kanzleramt von oben. Lothar Heinke

Konzert sonntags um 15 Uhr, Besichtigung anschließend um 15.50. Eintritt fünf Euro

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