Kultur : Was machen wir heute?: Zur Rasierklinge greifen

Helmut Schümann

Paul ist ja schon groß, so vierzehneinviertel ungefähr. Im Grunde genommen ist Paul damit recht zufrieden, so als Vollpubertist. Man kann mit dieser Größe ins Konzert gehen (wenn man abgeholt wird), kann schlimme Worte benutzen, lange aufbleiben und widersprechen, wenn es zu lange wird. Vierzehneinviertel ist also schon nicht schlecht, na gut, für den Vater vielleicht, und für die Mutter auch.

Tage gibt es allerdings, da wäre Paul gerne noch ein bisschen größer, sechzehneinachtel etwa. Kürzlich war wieder so ein Tag. "Papa", sagte Paul, "wie gut bist du eigentlich im Schülerausweisfälschen?" Ach ja, sagte der Vater - aber Paul hatte nichts hören wollen von der heroischen Schülerausweisfälschungsvergangenheit des Vaters. Paul wollte nur ins Kino, mit Sophie, ins Kino ab sechzehn, natürlich.

Gott, was macht man da als Vater? Empört sein wäre eine Möglichkeit - weil der Pubertist die Freiwillige Selbstkontrolle beim Film nicht ernst nimmt. Das Strafgesetzbuch zitieren eine andere - den Paragrafen 267, der Urkundenfälschung regelt. Der Vater hat an beide Varianten durchaus gedacht, war aber zu der Erkenntnis gekommen, dass das eine wie das andere schlimmste Folgen hätte. Paul würde selber fälschen, dilettierend, dachte sich der schülerausweisfälschungserfahrene Vater. Und dann? Dann würde Paul erwischt an der Kinokasse, wäre blamiert vor Sophie, traumatisiert fürs Leben, würde verhaftet, in die Kriminalität abrutschen, auf Urkundenfälschung steht Freiheitsentzug bis zu fünf Jahren. Dem Vater war der Schweiß ausgebrochen.

Es ist in solchen Momenten sehr hilfreich, Nassrasierer zu sein. Nassrasierer nämlich haben Klingen, Klingen können kratzen, wohingegen Elektrorasierer, auf Papier angesetzt, allenfalls fetzen. Es war dann eine sehr schöne interaktive Arbeit der gesamten Familie geworden. Der Vater hatte am Geburtsdatum von Paul herumgekratzt, den oberen Querstrich der Sieben ganz eliminiert, vom unteren die linke Hälfte ausgelöscht und die rechte anderweitig verwendet, Kugelschreiber ist nicht rasierklingenresistent. Paul hatte konspirativ zugeschaut, die Mutter fingerfertig und zart die fehlenden Striche gezogen und am Ende das Werk kaschierend mit Klarsichtfolie umwickelt. Es wurde also, um es klar zu sagen, viel kriminelle Energie freigesetzt, es hat sich aber gelohnt. Paul war sichtlich gealtert, groß also, kinokompatibel sozusagen, so steht es im Schülerausweis. Und der ist immerhin eine Urkunde, die muss es wissen.

Es war dann der große Tag gekommen, Paul mit Sophie verabredet, um ins Kino ab sechzehn zu gehen. Ja, Paul und Sophie haben ihren Film gesehen, als Horror-Comedy war er ausgeschrieben, ganz begeistert waren die beiden wohl auch. Der Vater hatte sich allerdings gefragt, ob sich Verbrechen für eine Horror-Comedy lohne, das aber für sich behalten. "Sag, Paul", hatte er stattdessen gesagt, "hat es mit dem Schülerausweis geklappt." Weiß nicht, hatte Paul geantwortet, die haben gar nicht kontrolliert.

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