Kultur : Was man sieht, ist längst nicht alles

Filme von Matthias Müller im Neuen Berliner Kunstverein

Ulrich Clewing

Die Illusionsmaschine Kino ist ein Steinbruch, aus dem sich Künstler gern bedienen, besonders die aus der Fernsehgeneration ab Jahrgang 1960. In Berlin in guter Erinnerung ist zum Beispiel Douglas Gordon (geboren 1966 in Edinburgh), der vor fünf Jahren in der Neuen Nationalgalerie „24hrs Psycho“ zeigte. Seine Arbeit bestand im Wesentlichen darin, dass die Duschszene aus Alfred Hitchcocks Film „Psycho“ in Superzeitlupe auf eine Spieldauer von 24 Stunden gestreckt wurde. Oder der Kanadier Stan Douglas, dessen Werke ebenfalls bereits mehrfach hier zu sehen waren: Der 43-Jährige dreht Filme, in denen definitiv nichts passiert, bedient sich dabei aber sämtlicher Hollywood–Mittel der Spannungserzeugung.

In diese Reihe gehört auch Matthias Müller (Jahrgang 1961). Seit vielen Jahren springt der Mann mit dem Allerweltsnamen zwischen Filmkunst und Kunstfilm hin und her, ist zu Gast bei renommierten Filmfestivals und hat Ausstellungen in Galerien und Museen in aller Welt. Nun präsentiert der Neue Berliner Kunstverein seine erste deutsche Einzelausstellung in einer öffentlichen Institution.

Der Besucher sollte Zeit mitbringen: mindestens 75 Minuten für die sieben Filme der Jahre 1994 bis heute. Denn Müller ist ein Meister der Suggestion, der Schnitttechnik und Bildbearbeitung – und das will in voller Länge genossen werden. In seinem frei assoziierenden 24 Minuten-Film „Album“ gibt es zum Beispiel eine Szene, in der man ein Flugzeug am Himmel sieht. Die Sequenz dauert genau so lange, wie das Flugzeug benötigt, um von einem Ende des Bildschirms zum anderen zu fliegen. Dann wechselt plötzlich das Bild, und der weiße Kondensstreifen verwandelt sich in einen sonnenbeschienenen Horizont am Meer.

Dies ist nur ein Moment von vielen, bei denen man in Müllers Filmen kurz den Atem anhält. Die Metamorphose der Bilder schlägt den Betrachter in ihren Bann – in „Album“ eher mäandernd und von aphoristischen Zwischentiteln unterbrochen, bei anderen Arbeiten durchaus eindeutiger. In „Promises“ fixiert die Kamera den Brautstrauß eines Hochzeitspaares. Nach wenigen Sekunden beginnt das Bild zu flackern, um in ein zweites Rosenbukett überzugehen, dann in ein drittes, viertes, fünftes – buchstäblich eine wacklige Angelegenheit.

Aber Müller, der seit dem vergangenen Jahr an der Kölner Kunsthochschule für Medien lehrt, brilliert nicht nur in der kleinen Form, sondern hat sich auch ans Spielfilmformat gewagt. In „Alpsee“, einer Produktion von 1994, sind die Anleihen an das Kino der Fünfzigerjahre unverkennbar, wobei der Künstler das Ganze mit surrealistischen Elementen kombiniert hat. Auch sonst nehmen traum- und tagtraumartige Sequenzen breiten Raum in seinem Schaffen ein. Eine Frau, die am Fenster steht und hinaus auf die Straße schaut, sich dann für einen fast unmerklich kurzen Augenblick abwendet, doch gleich darauf wieder genau dort auftaucht, wo sie bis eben war („Pictures“); Augen, die sich für den Bruchteil einer Sekunde schreckhaft weiten – stets belässt es Müller bei Andeutungen, Irritationen und kleinen Überraschungen. Was man sieht, ist längst nicht alles – den großen Rest besorgt die eigene Fantasie.

Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128/129, bis 2. Mai. Di – Fr 12-18 Uhr, Sa und So 14-18 Uhr.

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