Kultur : Was mir der Ruhm zu leiden gab

Stars suchen unser Mitgefühl: Zu den Beinahe-Autobiografien von Robbie Williams, Paul McCartney und Lemmy

Kai Müller

„Meine Popularität scheint die schlechten Eigenschaften anderer Menschen zutage zu fördern“, schießt ihm Weihnachten durch den Kopf, „wie Tolkiens Ring.“ Robbie Williams hört auch manchmal Stimmen. Wenn er die Vorhänge im Schlafzimmer seiner Hollywood-Villa aufzieht, den Garten sieht, den Pool und das Tal, dann flüstern sie ihm zu: „Du verdienst das alles nicht, es wird dir sowieso alles wieder weggenommen.“ Williams, der 1974 als Sohn einer Kneipenwirtin und eines zweitklassigen Komikers zur Welt kam, hat einen 80-Millionen-Dollar-Vertrag und 35 Millionen Alben verkauft. Er müsste glücklich sein. Aber er ist es nicht.

Am meisten erschüttert den 29-Jährigen, dass er das Unglück nicht seinem künstlerischen Temperament verdankt, sondern seinem Erfolg. So jedenfalls stellt sich der Fall in „Feel“ dar, einem von Chris Heath geschriebenen Doku- und Reality-Roman (deutsch bei Rowohlt) über das traurige Leben des Robbie Williams, Beruf Superstar. Zwei Jahre durfte der britische Journalist den Musiker begleiten: im Hubschrauber, mit dem er über den Köpfen zehntausender Fans zum Open-Air-Festival von Knebworth einschwebt, oder wenn er von „Rob“ in einem seiner schnittigen Sportwagen über Privatstraßen gekurvt wird, ganz ohne Führerschein. Heath erweist sich dabei als fleißiger Eckermann. Hinter der Fassade des begnadeten Entertainers macht er eine chronisch-depressive Verzagtheit aus, einen „Pop-Märtyrer“, der sich auf dem CD-Cover von „Escapology“ (2002) kopfüber wie ein verkehrter Christus ablichten lässt.

Nach Bob Dylans erstem Teil seiner Lebenserinnerungen („Chronicles“), Stings literarischem Selbstporträt „Broken Music“ und Eric Burdons „My Secret Life“ scheint sich eine Welle schreibender Rockstars zu erheben. Dabei können sie das gar nicht. Weshalb meist krude Gesprächsromane entstehen, bei denen Stars tun, was sie immer tun, nämlich über sich selbst reden, und Berufenere einen Text daraus machen. Leider lesen sich diese Oral-history-Ergüsse nicht annähernd so interessant, wie die Songs derselben Leute sich anhören.

Über einhundert Kassetten will Heath mitgeschnitten haben, um das Rätsel der Williamschen Melancholie zu ergründen. Seit der Sänger bei Take That zum Performance-Ass dressiert wurde, ist ihm die Androhung des Scheiterns stets gegenwärtig. Dabei wäre Robbie Williams gerne ein Star der alten Schule, ein Idol, wie Frank Sinatra es war.

Aber so einen kann es nicht mehr geben. Berühmtheit wächst in Zeiten von Casting- Pop und Instant-Glamour nicht mehr Personen zu, die etwas Außergewöhnliches leisten. Sie wird Menschen zuteil, die Leistung außergewöhnlich machen. Man wird fürs Berühmtsein berühmt. Deshalb, sagt Martin Amis, sei Popularität nichts mehr wert. Der britische Bestseller- und Skandalautor meint, sie habe sich so weit „demokratisiert“, dass Aufmerksamkeit den Celebrities wie ein Mandat verliehen wird, als Auftrag das zu tun, wofür man erwählt worden ist. Aber die Demokratisierung von Popularität bedeutet auch, dass der Star seiner Exzentrik wegen verachtet wird. Er soll gleichzeitig bigger than life und ein Popanz sein.

So werden Pop-Heroen zu Protagonisten einer neurotischen Selbstzerreißung – und keiner waidet dies so genüsslich aus wie Williams. Dass er sich seine Karriere, von der er schon als Kind überzeugt war, wie einen Promi-Rausch vorstellte, hat er in „I Will Talk, Hollywood Will Listen“ besungen. „I wouldn’t be so alone/If they knew my name in every home“, fantasierte er und glaubte, dass Schauspielstars wie Kevin Spacey bei ihm anrufen würden („aber ich bin zu beschäftigt“). Das ist ein Traum-Comic, die Karikatur dessen, was Williams wenig später tatsächlich erlebt, als er sich deprimiert in sein abgeschiedenes Privatreich zurückzieht, weil er zu niemandem Vertrauen fasst. Ist der Popsong womöglich kein geeignetes Medium, um die Ernüchterung auszudrücken, die einsetzt, wenn man all diese wunderbaren Leute plötzlich kennen gelernt hat? Williams hat es in „Monsoon“ versucht. Das Ergebnis: „Oh Lord, I feel nothing/ I know much smarter men / never got this far.“ Larmoyantes Gejammer.

Es ist also nicht verwunderlich, dass Popstars als die Meister der Drei-Minuten-Emotion irgendwann das Bedürfnis nach der großen Erzählung verspüren. Auch Ex-Beatle Paul McCartney holt mit „Now & then“ nach, was er bislang nicht für nötig gehalten hat: eine autobiografische Séance (Rockbuch Verlag). Nicht, dass es dieser – beschämend blassen – Selbsthuldigung bedurft hätte. Ist doch kaum ein Mysterium so erschöpfend durchleuchtet worden wie das der Lennon/McCartney-Ehe. Auch Geld dürfte für den schwerreichen Landlord keine Rolle gespielt haben. Was aber dann?

Einen versteckten Hinweis liefert die Sorgfalt, mit der ihn Ko-Autor Tony Barrow als Mann ohne Allüren zeichnet: Man habe McCartney eben immer unterschätzt. Aber das ist natürlich kompletter Unsinn. Vielmehr flankiert der großformatige und mit immerhin weitgehend unveröffentlichten Fotos illustrierte Band McCartneys Bemühen, die Deutungshoheit über das Beatles-Erbe zu erlangen. Dass Lennon durch seinen frühen Tod die Geschichtsschreibung als Märtyrer dominiert, versucht sein ehemaliger Kompagnon mit immer neuen „Anthology“-Offensiven aufzufangen. Den Gipfel dieser Entwicklung markiert die Tilgung des – von Lennon einst initiierten – Phil- Spector-Sounds auf der „Let it be“- Platte.

Zum Meister der Legendenbildung aber avanciert bei dieser jüngsten Bio-Pop-Welle ein zahnloser Trunkenbold. Lemmy alias Ian Fraser Kilmister, wie Robbie Williams im mittelenglischen Stoke-on-Trent geboren, und zwar bereits 1945: „mit schönem goldenen Haar, das mir zur Freude meiner schrulligen Mutter, ausfiel“, wie er nun in seiner Autobiografie „White Line Fever“ erzählt (IP Verlag Jeske/Mader). „Meine früheste Erinnerung ist, dass ich geschrien habe – aus welchem Grund, weiß ich nicht. Vermutlich ein Wutanfall. Oder ich habe schon mal geprobt.“

Seit Lemmy 1975 Motörhead gründete und als grölender Militaria-Fan und Speed-Freak über die Hippie-Kultur hereinbrach, verkörpert er das rohe, ungezügelte Rock’n’Roll-Monster, dem das übliche Heavy-Metal–Gedöns aus Strumpfhosen und Glitzergürteln zuwider ist. Sein Buch ist ein einziger langer, atemloser Rocksong, eine schnaufende, groteske Liebeserklärung an einen Lebensstil, den niemand so lange überlebt hat wie er. Genüsslich berichtet er denn auch, wie er eines Tages beschloss, sein Blut austauschen zu lassen, aber die Ärzte ihm dringend abrieten. Er würde an reinem Blut verrecken, so sehr hätten die jahrelangen Drogen- und Saufexzesse seinen Organismus vergiftet.

Derlei Anekdoten über zerstörte Hotelzimmer, ungewollte Vaterschaften, explodierende Mischpulte und einen Bandbus, der nur so zum Spaß in ein Geschäft mit Brautmoden rast, finden sich in Lemmys Erinnerungen zuhauf. Es ist die Rebellionsfolklore, die man eben zu hören bekommt von einem altmodischen Mann mit Prinzipien. Ängste oder Selbstzweifel haben in dieser King of Underdog-Saga keinen Platz. Einzig, dass viele Fans ihn heute für ein Relikt halten könnten, macht Mister Motörhead zu schaffen. „Die Leute sind verdammt merkwürdig.“

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