Kultur : Was nützt das Bauen in Gedanken?

Streit um die Gropius-Villa und kein Ende: Dessau sucht den dritten Weg

Michael Zajonz

Die Idee, so Omar Akbar, Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau, sei bei einem Glas Bordeaux entstanden. Fünf Wochen lang schickte man zwei Mitarbeiter mit ein paar Modellen durch die Welt. Sie sollten zwei Dutzend prominente Architekten, Designer und auch Paradiesvögel befragen, ob und wie die 1945 zerstörte Villa von Walter Gropius, einst das Prunkstück der Meisterhaus-Siedlung, wieder aufgebaut werden soll. Herausgekommen sind vier Stunden Videointerviews, von denen nun in Dessau eine halbe Stunde vorgestellt wurde.

Auch wenn das Gespräch mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (noch) nicht zustande gekommen ist: Was die Architekten Rainer Weisbach und Matthias Hollwich, die Entwürfe und Film maßgeblich konzipiert haben, im Werkstattflügel des Bauhaus-Gebäudes präsentierten, besaß hohen Unterhaltungswert. Viel mehr allerdings auch nicht. Die Statements verraten viel über die Mühen architektonischer Meinungsbildung ohne Ortskenntnis, einiges über die schneidende Eitelkeit von Stars wie Peter Eisenman, Rem Koolhaas, Oswald Mathias Ungers oder des greisen Brasilia-Erbauers Oscar Niemeyer – den Dessauer Verantwortlichen bieten sie jedoch kaum Entscheidungshilfe.

Und doch hätte man es sich vor der Leinwand besser dauerhaft gemütlich gemacht. In der anschließenden, von Akbar moderierten Podiumsdiskussion ging es nämlich – nach all den Geistesblitzen – einigermaßen zäh und zahm zu. Was keineswegs nur daran lag, dass viele Argumente bereits vor einem Jahr an gleicher Stelle ausgetauscht wurden. Was nützt das Bauen in Gedanken, wenn Finanzierung und künftige Nutzung weiter unklar sind?

Zudem steht ja anstelle der kubischen Direktorenherberge etwas: ein 1956 auf dem erhaltenen Gropius-Keller errichtetes Einfamilienhaus im zeittypischen Spitzdachstil. Sein Architekt Alfred Müller war, Ironie der Geschichte, als Professor der Hallenser Kunstschule Burg Giebichenstein mit Baukunst und -künstlern der Moderne vertraut. Seinem Produkt künstlerische Bedeutung zuzumessen, wäre dennoch verfehlt.

Im vergangenen Jahr erwarb die Kommune das Haus. Nun konnte es erstmals besichtigt werden. Was schon der Augenschein nahe legt, bestätigt ein von Studenten gefertigtes Aufmaß: Der Grundriss orientiert sich am Vorgängerbau, dessen Baumaterialien vielfach wiederverwendet wurden. Mit geringem Aufwand wäre es in ein Besucherzentrum umzuwandeln – und spielt in der Debatte dennoch keine Rolle.

Omar Akbar trommelt für eine zeitgenössische Lösung, Dessaus Oberbürgermeister Hans-Georg Otto (parteilos) wünscht sich inbrünstig die Komplettierung des Ensembles durch Rekonstruktion. Beiden geht es um größte Aufmerksamkeit von außen, um Identitätsstärkung nach innen. Streicheleinheiten für geplagte Bürger. Denn Dessau macht derzeit ganz andere Schlagzeilen.

Die „Bauhausstadt im Gartenreich“ gehört zu jenen rapide schrumpfenden Gemeinden, die uns erst auf die gesellschaftliche Sprengkraft des Bevölkerungsrückgangs gestoßen haben. Wer durch Dessau fährt, kann den Leerstand ganzer Stadtviertel nicht übersehen: übrigens keineswegs nur marode Plattenbauten. 100000 Einwohner besaß die Stadt 1990, heute sind es 79000. Das aktuelle Entwicklungskonzept prognostiziert für 2012 gerade noch 68000 Dessauer – womit das Ende der Schrumpfung noch nicht erreicht sein dürfte.

2010 wird Sachsen-Anhalt eine Internationale Bauausstellung zum euphemistisch in „Stadtumbau“ umgetauften Problem ausrichten. Dessau gehört zu den knapp 20 geförderten Städten. Das radikale Konzept, das der Planungsbeigeordnete Karl Gröger mit seinen Mitarbeitern entwickelt hat, sieht das Nebeneinander von Landschaft und Stadt vor. Für einen bis ins Zentrum implantierten Grünzug soll jede fünfte Wohnung – derzeit sind es 48000 – abgerissen werden.

Noch wehren sich die Wohnungsgesellschaften, da sie, um überleben zu können, entschuldet werden müssten. Auch die Infrastruktur, so Gröger, „wird wie ein Anzug, der zu groß ist, angepasst.“ Da kann die Vergangenheir noch so eindrucksvoll gewesen sein: Gemeinwesen wie Dessau kämpfen gegen den Verlust ihrer Zukunft.

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