Kultur : Was raus muss, muss raus

Regisseur Fatih Akin wird für seinen Wettbewerbsbeitrag „Gegen die Wand“ gefeiert

Christina Tilmann

Es war eine Wohlfühlpressekonferenz. Applaus beim Einzug des Filmteams. Applaus, der sich noch steigert, als die Schauspieler und Regisseur Fatih Akin vorgestellt werden. „Wie sollen wir überhaupt noch zum Reden kommen?“, seufzt der Moderator. Der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag „Gegen die Wand“, der von der Zweckehe und vorsichtigen Annäherung zweier Selbstmordkandidaten in Hamburg erzählt, genießt alle Sympathien des Publikums. Vielleicht auch, weil allen noch der Schock des Vortags in den Knochen steckt: Romuald Karmakars düster-hermetischer Film „Die Nacht singt ihre Lieder“ und der aggressiv-arrogante Auftritt des Regisseurs danach.

Fatih Akin jedoch lieben alle. Weil er wild aussieht und wilde Filme dreht, aber redet wie ein Romantiker, freundlich, fast verlegen. Weil der 1973 als Sohn türkischer Eltern in Hamburg geborene Regisseur Sätze sagt wie: „Dieser Film war lange in mir drin. Ich musste ihn mir ausdrücken wie einen Pickel.“ Weil er zugibt, dass das Team am Ende der Dreharbeiten so erschöpft gewesen sei, dass man in Istanbul lieber im Hotelzimmer gedreht habe, als noch einmal auf die Straße zu gehen. Weil er seine Haltung zu den türkischen Familientraditionen als „loyale Opposition“ bezeichnet. Und weil die Frage ihn nervös macht, wie seine Eltern wohl auf den Film reagieren werden.

Außerdem zeigen seine Filme eine Realität, die uns näher ist, als man denkt. Dass die Hälfte des Films Türkisch gesprochen wird, sei kein Problem gewesen, erzählt Akin, auch nicht beim Antrag auf Fördermittel. Dass auf der Pressekonferenz Journalisten, seien es bulgarische Online-Redakteure oder Reporter des Radiosenders Multikulti, Fragen auf Türkisch stellen – auch kein Problem. Nur Akin selbst, der den Übersetzer improvisiert, gerät in Verlegenheit – weil er nur Lob über sich zu übersetzen bekommt. Und weil sein Türkisch nicht fließend ist.

Eine Erfahrung, die er mit Hauptdarsteller Birol Ünel teilt: Auch der verfällt im Film ins Englische, wenn es um Gefühle geht. „Für uns, die wir in der zweiten Generation in Deutschland leben, ist es nicht mehr selbstverständlich, uns emotional auf Türkisch auszudrücken.“ Kein Wunder, dass das Panel genervt und verständnislos reagiert, als ein Journalist fragt, warum Akin „nicht einmal einen richtig deutschen Film dreht“. Sie sei eine Deutsche, hier geboren, mit deutscher Staatsbürgerschaft, wehrt sich Hauptdarstellerin Sibel Kerkilli zu Recht. Und Akin fügt hinzu: „Der Begriff ,Gastarbeiter’ existiert nicht mehr in meinem Wortschatz.“

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