Kultur : Was sind das für Enttäuschungen - Sein Buch über die Verfilmung seines Buches

Moritz Schuller

Das Buch war besser, sagt der Bildungsbürger am liebsten, wenn er sich aus dem Kinosessel erhebt. Oft genug ist es so: Isabel Allendes "Geisterhaus", mit großem Aufwand von Bille August ins Kino gebracht, war eine Enttäuschung, wie auch Claude Chabrols Flaubert-Verfilmung "Madame Bovary" oder die Thomas-Brussig-Adaption "Helden wie wir". Und manchmal ist es umgekehrt, wie bei Francis Ford Coppolas Bearbeitung von Mario Puzos "Paten" oder Ken Keseys Roman "Einer flog übers Kuckucksnest", einem durchschnittlichen Buch, das Milos Forman zum Meisterwerk machte.

Romane zu verfilmen, ist ein schwieriges Geschäft. Den Grund kennen wir seit Siegried Kracauer: "Der Roman ist keine filmgerechte literarische Form". Und dennoch wird es immer wieder versucht. Fast die Hälfte aller Filme basieren auf irgendeiner Vorlage, und manchmal wird sogar, trotz des Lolita-Fiaskos, als sich Vladimir Nabokov und Stanley Kubrick nicht über das Drehbuch einigen konnten, der Autor selbst am Projekt beteiligt, der natürlich am allerwenigsten verstehen will, dass literarische und filmische Form einander fremd sind: Künste aus jeweils eigenem Recht.

Nun ist die Verfilmung von Irvings "Gottes Werk und Teufels Beitrag" in die Kinos gekommen, in der Regie von Lasse Hallström und nach einem Drehbuch vom Autor selbst, das bei den Academy Awards am vergangenen Sonntag einen Oscar erhielt. Seit 15 Jahren arbeitete Irving an der Verfilmung, Dutzende Drehbücher wurden verfasst, drei Regisseure verschlissen. So viel Zeit ist seit dem Erscheinen des Buches vergangen, dass Irvings Sohn Colin, der eine Hauptrolle im Film übernehmen sollte, am Ende für den Part zu alt geworden war. Jetzt spielt er wie sein Vater eine Nebenrolle.

Treue ist nicht alles

John Irving hat diese Geschichte in "My Movie Business" aufgeschrieben, und was als Werkstattbericht einer Verfilmung gedacht ist, ist in Wirklichkeit eine Abrechnung mit dem movie business. Dass er mit dem Ergebnis zufrieden ist, daran lässt Irving natürlich keinen Zweifel, so weit hat er die Regeln des Geschäfts verinnerlicht: "Ich finde Lasse Hallströms Verfilmung des Buches hinreißend." Doch wäre das alles, was ihm zur Verfilmung seines Roman eingefallen wäre, dann hätte er "My Movie Business" geschrieben. Das Buch ist eine Rechtfertigung für das, was er als Drehbuchautor weglassen musste. "Wie bei jeder Adaption eines dicken, handlungsreichen Romans bestand das Problem darin zu entscheiden, was nicht übernommen werden sollte".

Irving hatte sich ein Einspruchsrecht bei Drehbuch, Regisseur und Besetzung zusichern lassen, Rechte, wie er zurecht schreibt, "die dem Romanautor und Verfasser des Drehbuchs für gewöhnlich nicht engeräumt werden". Am Ende hat er Hallström sogar Schnitt-Empfehlungen gegeben und das Plakat hätte er am liebsten auch entworfen. Dabei war Irvings Erfahrung als Drehbuchautor gering. Erst einmal zuvor - für seinen Roman "Laßt die Bären los!" - hatte er sich an einem Drehbuch versucht und war gescheitert. Auch bei den Verfilmungen seiner Romane "Garp" und "Hotel New Hampshire" war er nicht beteiligt, und trotz des Erfolgs beider Filme - mit den Drehbüchern war Irving unzufrieden. Das eine hatte zuviele Wortspiele, das andere war ihm zu oberflächlich. Beide hatten sich, so sein Vorwurf, zu weit vom Roman entfernt: "Damals war ich der Meinung, die beste Romanverfilmung sei die, die sich möglichst getreu an die Vorlage hält".

Dass Irving die Verfilmung von "Gottes Werk und Teufels Beitrag" in die eigenen Hände nahm, ist verständlich, und das Buch schildert freimütig diesen Kampf des Autors um jede einzelne Figur und Szene, die aus dem epischen Roman nicht in den Film hinübergerettet werden konnte. Der Treue zum eigenen Werk verpflichtet, zugleich zur Verkürzung und Vereinfachung verdammt, Irving verteidigt in "My Movie Business" jede seiner Entscheidungen im Detail.

Aber Irvings Unerfahrenheit als Drehbuchautor und seine Nähe zum Roman erklären nur unzureichend die lange Inkubationszeit des Films. Irving, so scheint es, ist nicht frei von bildungsbürgerlichen Reflexen. In den letzten zehn Jahren, schreibt er, habe er nur zwei Filme im Kino gesehen, "Schindlers Liste" und "Der englische Patient", und zwar "weil ich es satt hatte, mir von Freunden sagen lassen zu müssen, sie seien besser als die Bücher, die als Vorlage gedient hatten." Und dann schiebt er, auftrumpfend, hinterher: "Sie waren nicht besser." Das klingt ähnlich apodiktisch wie bei Kracauer. Für Irving bleibt ein Drehbuch (und damit auch der beste Film) immer nur die schmerzhafte Reduktion eines Romans.

Sein Freund Kurt Vonnegut hatte ihn vor der Premiere von "Garp" gewarnt, berichtet Irving: "Es ist, als würdest Du mit ansehen, wie deinen Figuren die Haare geschnitten werden." Dass sie danach auch hübscher sind, besser riechen und weniger fluchen, beklagt Irving voller Wehmut. Zur Verweigerung reicht es bei ihm aber auch nicht und so folgt er den Zwängen des Filmgeschäfts, leidend. Sein Buch über die Verfilmung seines Buches hat Irving seinem Sohn Colin gewidmet, "der die Enttäuschungen dieses Metiers mit mir getragen hat".John Irving: My Movie Business. Meine Leben, meine Romane, meine Filme. 186 S., 29,90 DM.

John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag. Das Drehbuch zum Film mit zahlreichen Fotos. 175 Seiten, 19,90 DM.

Beide aus dem Amerikanischen von Irene Rumler. Diogenes Verlag, Zürich 2000

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