Kultur : Was soll denn da gezeigt werden?

Besser absagen. Zum Streit um die geplante RAF-Ausstellung in den Berliner Kunstwerken

Christoph Stölzl

Das Unstrittige vorweg: Selbstverständlich kann man über alles eine Ausstellung machen. Artikel 5 des Grundgesetzes (Wissenschafts-, Kunst-, Meinungs- und Medienfreiheit) breitet einen weiten schützenden Mantel über Notwendiges und Überflüssiges, über Harmloses und Anstößiges.

Auch der Begriff der „Ausstellung“ hat sich längst entgrenzt. Früher galt der solide Museumsgrundsatz, dass man Ausstellungen mache um der Objekte willen, seien sie der Kunst zugehörig oder dem Feld der Memorabilien; um das „Echte“ also kreiste das Interesse von Ausstellungsmachern und Besuchern. Ausstellung hieß, sehenswerte Kunst- oder Geschichtszeugnisse an „neutralem“ Ort zu versammeln, in einer erzählenden Dramaturgie miteinander zu verknüpfen, wissenschaftlich getreulich über die Bedeutung der Objekte zu informieren. Dabei spielte Professionalität die Hauptrolle. Als selbstverständlich galt, dass historische Ausstellungen nicht ohne fachkundige Grundlegung durch die Geschichtswissenschaft veranstaltet wurden.

Letzteres scheint vorbei zu sein: Ein paar Jahrzehnte elektronische Revolution, beginnend mit den Großfotos über die Multivision hin zu Videos und Computerprogrammen, haben die Maßstäbe verändert und das Medium Ausstellung zum Omnibus gemacht, den jeder nach Gusto benützen kann.

Dass „inszeniert“ wird , dass die Ausstellungsmacher vom Regietheater gelernt haben, regt inzwischen kaum noch jemanden auf. Ob ein Thema wirklich notwendig auf dem geistigen Markt erscheint oder ob nur recycelt wird, was die größten Chancen hat, als „Event“ wahrgenommen zu werden, wer fragt danach? Geldgeber und Politiker haben inzwischen die Lektionen des Kulturbetriebs gelernt und rechnen nach Einschaltquoten und Medienresonanz. Erlaubt ist, was unterhält und „den Diskurs“ antreibt.

Die Ausstellung ist auch ein soziales Medium. Man erlebt sie gemeinsam mit anderen, und darum hält sich hartnäckig das Vorurteil, sie sei besonders geeignet, um die Diskussion über historisch-politische Fragen zu beflügeln. Ob aber Ausstellungen immer und überall aufklärerisch wirken, darf bezweifelt werden. Denn ihr Schauwert, ihre unterhaltenden Elemente, ihre ästhetischen Wirkungen sind vermutlich mindestens so mächtig wie ihre (noch so gutwillig intendierten) Informationen. Jeder Museumsmensch weiß, dass allein das Lesen der an die Wand geschriebenen Basistexte länger dauert, als die meisten Besucher Zeit haben.

Besonders heikel wird die Sache, wenn sich Ausstellungen anheischig machen, „Mythen“ zu entzaubern. Denn gerade Bildmythen nähren sich davon, dass sie im sozialen Horizont erscheinen; die moralische Kritik, welche Worte daneben leisten, ist allemal schwächer als die Fortzeugung der Prominenz durch Prominenz.

Brauchen wir also ausgerechnet in den Berliner „Kunstwerken“ eine Ausstellung über den Terrorismus der sogenannten RAF? Was soll da gezeigt werden? Das Echo in der Kunstgeschichte gibt nicht viel her; Gerhard Richters Stammheim-Gemälde sind im New Yorker Museum of Modern Art gut aufgehoben. Die wirkliche Geschichte der RAF zeigen jedoch nicht die paar Fahndungsfotos, nicht die selbstgebastelten Logos mit herbeigelogener Revolutionsromantik der Dritten Welt. Es fehlt für eine Ausstellung an greifbaren Objekten. Die wirkliche Geschichte des angeblichen „Mythos“ ist ein jahrelanges Morden, sind aus guten Gründen nur zum Bruchteil öffentlich gewordene Bilder von Angst und Zerstörung. Glaubt man im Ernst, dass es den Familien der Opfer zumutbar sei, daran zu rühren – wegen einer Ausstellung? Sollen dafür die Asservatenkammern der Justiz geöffnet werden?

Was Geschichtswissenschaft und Publizistik, was Theater, was Film, was das Fernsehspiel klären und erklären können, ist bereits getan, zuletzt in Heinrich Breloers großem Dokudrama über die Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers. Den jüngsten Echowirkungen in der Popwelt nachzugehen, sollte Sache der Sozialforschung sein. Alles Neubefragen wird nichts daran ändern, dass bei der RAF der Anteil des schieren Verbrechens so überwältigend war, dass alles Hin- und Herwenden der abstrusen „politischen“ Legitimierungsversuche im Nichts endet. Wer die Bundesrepublik der sozialliberalen Ära mit einer „präfaschistischen“ Krisenlage verwechselte, gehört noch nicht in die historische Revolutionslandschaft Europas. Andreas Baaders Dürftigkeit und die jammervolle Geschichte der psychischen Abhängigkeit der Bandenmitglieder untereinander – wie soll ihrer denn gedacht werden?

Ausstellungen in der Mitte der deutschen Hauptstadt müssen mit besonderer Elle gemessen werden. Sie werden als symptomatisch für unser Denken gelesen, auch wenn sie nicht so gemeint sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine künstlerisch assoziative Annäherung an das blutig-traurige Thema anders als frivol empfunden würde.

Man kann auch auf Ausstellungen verzichten, wenn sie ein Ärgernis zu werden drohen. Anstoß zu nehmen ist das gute Recht derjenigen, die mit einem Thema in Leid verknüpft sind. 1994 wollten wir in Berlin im Deutschen Historischen Museum (DHM) eine mediengeschichtliche Ausstellung über die Rolle der Fotografie beim Entstehen des NS-Führermythos zeigen. Sie war nach jahrelanger Quellenforschung in München entstanden. „Hoffmann und Hitler“, benannt nach dem Leibfotografen Hitlers, kam dennoch nicht ins DHM, obwohl die wissenschaftliche Intention von niemandem bezweifelt wurde. Denn Jerzy Kanal, der damalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Überlebender von Auschwitz, gab mir zu bedenken, ob es den Opfern zumutbar sei, endlose Serien des idealisierten Gesichtes jenes Menschen anzuschauen, der Urheber ihres Leids gewesen war.

Jerzy Kanal hatte Recht; der große Ernst seines Anrufs damals ist mir unvergesslich. Und darum blieb „Hoffmann und Hitler“ zwischen zwei Buchdeckeln – dem Fortschritt der NS-Forschung hat das nicht geschadet. Kann man sich die Baader-Meinhof-Ereignisse überhaupt noch einmal neu erzählt vorstellen? Dazu bedürfte es schon des Genius eines Truman Capote, der einst aus einer abstoßend-rätselhaften Mordgeschichte das erschütternde Buch „In Cold Blood“ gemacht hat. Aber niemand ist in Sicht, der sich hier solch quälender Aufgabe zuwenden möchte.

Wie kann, wie soll eine Ausstellung über die RAF aussehen? Nach Andres Veiel und Harald Martenstein äußert sich hier der frühere Berliner Kultursenator und langjährige Direktor des Deutschen Historischen Museums. Als nächstes folgt ein Beitrag von Diedrich Diederichsen.

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