Kultur : Was Stölzl braucht (Kommentar)

Peter von Becker

Berlins künftiger Kultur- und Wissenschaftssenator hat sich gleich nach seiner Nominierung öffentlich zum Lustprinzip bekannt. Wenn die Kunst also laut Schiller heiter sei und die Wissenschaft in Nietzsches Sinne fröhlich, dann ist Christoph Stölzl nach Neigung und Selbsteinschätzung durchaus der Mann am Platze. Positive Energien kann die demprimierte und depravierte Kulturpolitik als Aufmunterung jederzeit gebrauchen. Stölzl beschwört eine öffentliche Verschwörung für die Kultur, gut gesagt. Der neue Vordenker müsste jedoch erstmal Zeit zum Nachdenken haben: Luft statt nur Lust.

Kaum nominiert, wird dem Politneuling aber schon gezeigt, wo der Hammer hängt: Berlins politische Lokal-Klasse schwadroniert eher ahnungslos über "amerikanische Modelle" der Kulturfinanzierung, beschimpft Künstler wie Schmarotzer und droht nebulös mit Theater- und Opernschließungen. Vielleicht will man damit - bei Stölzl und in der kulturell interessierten Öffentlichkeit - vor übertriebenen Erwartungen (neuer Mann, neues Geld) nur taktisch vorbauen. Aber klar scheint auch: Stölzl hat keine Zusicherungen des Regierenden Bürgermeisters oder des Finanzsenators in der Hinterhand, auch er tritt sein Amt, wie unlängst Christa Thoben, ohne Vorprüfung und eigene Bedingungen an.

Stölzls Vorteil ist seine Kenntnis der Szene, seine musische Ader, gepaart mit Eloquenz und Fantasie. Allerdings war er schon als Museumsdirektor kein großer Rechner, er hat vielmehr aus dem Vollen geschöpft, gelegentlich überreichlich. Was er kann: Menschen bereden und begeistern, auch zum Geldspenden für Kultur, und in der Mischung aus Triebredner und Triebtäter ähnelt er dem seligen August Everding: auch dieser gewiss kein Sparkommissar. Doch bisweilen ein verblüffend erfolgreicher fundraiser. Ob er als intellektueller Feuerwerker nun im Berliner Parteien- und Verwaltungsgestrüpp wirklich Schneisen schlägt, die Kulturpolitik nicht bloß mit ein paar rhetorischen Raketen zum Leuchten bringt, ob er, gestützt von einem starken Staatssekretär, bei der kurzfristigen Entschuldung von Theatern und Opern und einer strukturellen Reform der öffentlichen Kulturinstitutionen eine neue Synergie zwischen Sparen und Investition schafft, ist die Frage. Vor dem Offenbarungseid müsste Stölzl Berlin zum kulturpolitischen Schwur zwingen. Erst wenn ihm das gelingt, kann er auch die Bundesregierung in Zugzwang bringen. Ohne eine wesentlich vom Bund getragene Hauptstadtkultur-Stiftung - nach dem Vorbild des Preußischen Kulturbesitzes - wird es keinen Königsweg aus Berlins Kultur-Finanzkrise geben.

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