Kultur : Was stört Sie an Spanien, Señor Marías?

Er gehört zu der Generation von Autoren, die in der Ära nach Franco die Prosa des Landes erneuerten.1951 in Madrid geboren, veröffentlichte Marías seinen ersten Roman "Los Dominos del Lobo" im Alter von 19 Jahren.Nach dem Studium der Philosophie und der Anglistik arbeitete er als Gastprofessor und Übersetzer.Für seine Übersetzung von Laurence Sternes Roman "Tristram Shandy" wurde er mit dem National Translation Prize (1979) ausgezeichnet.Mit "Corazón tan blanco" (Mein Herz so weiß,ins Deutsche übersetzt erst 1996) gelang ihm der literarische Durchbruch in Deutschland.Es folgte 1994 der Roman "Mañana en la batalla piensa en mi" (Morgen in der Schlacht denk an mich).Für sein künstlerisches Gesamtwerk erhielt er 1997 den Nelly-Sachs-Preis.Mit Javier Marías sprach Ruthard Stäblein.

TAGESSPIEGEL: Señor Marías, Ihr Roman "Morgen in der Schlacht denk an mich" ist streng nach dem Prinzip von Wiederholung und Spiegelung gegliedert.Hatten Sie zuerst die Konstruktion oder die Geschichte dieses Romans im Kopf?

MARIAS: In Wahrheit weder das eine noch das andere.Außerdem würde ich eher von Echos als von Wiederholungen sprechen.In meinem letzten Roman "Morgen in der Schlacht denk an mich" gibt es wie in den früheren Romanen ein System von Echos oder Resonanzen.Es tauchen bestimmte Serien von Bildern, Motiven und Sätzen auf.Mein Ziel war es, mich so einer musikalischen Form anzunähern.Wie in einem Konzert zuerst das Klavier eine bestimmte Toccata spielt, die später die Violinen variieren.Dann fange ich an zu schreiben, ohne zu wissen, wo das endet.Das will mir nur niemand glauben.Es gibt Autoren, die, bevor sie mit dem Schreiben anfangen, das Ende der Geschichte, die Anzahl der Kapitel, alle Personen, alles was ihnen passieren wird, schon kennen.Sie haben einen Plan und einen Kompaß.Ich dagegen entdecke die Geschichte erst beim Schreiben.

TAGESSPIEGEL: Das scheint mir unglaubwürdig.Schon in Ihrem Roman "Mein Herz so weiß" wird die Geschichte gespiegelt.

MARIAS: Aber ich sage es Ihnen doch.Viele Leute glauben mir nicht.Ich habe gar kein Interesse daran, zu lügen.Ich wende auf meine Romane die Regeln an, die das Leben bestimmen.Das erfordert eine strenge Disziplin.Wenn ein Vierzigjähriger glaubt, daß er mit zwanzig etwas falsch gemacht hat, so kann er diesen Fehler nicht mehr korrigieren.Aber das darf nicht mißverstanden werden, als ob ich nichts verbessern würde.Ich korrigiere sehr viel am Rand.Nur die Geschichte kann ich nicht verändern.Wenn ich auf der zweiten Seite schreibe, daß eine Frau stirbt, und dann auf Seite 200 entdecke, daß mir dieser Tod nicht ins Konzept paßt, so werde ich nicht alles noch einmal verändern.

TAGESSPIEGEL: In der Mitte Ihrer Geschichte stehen zwei Wörter auf Französisch und Englisch: hanter, to haunt.Das heißt soviel wie Gespenster verfolgen einen.Sind Sie Gespensterkundler?

MARIAS: Ich glaube nicht an Gespenster, nicht an übernatürliche Wesen.Als literarische Figuren gefallen mir Gespenster.Aus dieser Sicht kann man eine Geschichte gut erzählen.Ein Phantom kennt schon das Ende seiner Geschichte.Gespenstern kann nichts mehr passieren.Aber dem Gespenst ist deswegen nicht egal, was es sagt, welchen Eindruck es in dieser Welt hinterläßt.Es kehrt zurück zu den Lebenden, um den Lauf der Dinge zu beeinflussen, um sich an den Leuten zu rächen, die ihm Böses angetan haben.Der Titel meines Romans ist ja ein Zitat von Shakespeare aus Richard III.Bei Richard III.ist der Satz "Morgen in der Schlacht denk an mich" ein Fluch.All die Menschen, die Richard III.getötet hat, kehren in der Nacht vor der letzten Schlacht auf die Erde zurück und verfluchen Richard.Hier in meinem Roman ist es weniger eine Verfluchtung als eine Bitte.Die Bitte einer Frau, die am Anfang des Romans in ihrem Bett mit einem Liebhaber stirbt, den sie kaum kennt.Sie sagt ihm, morgen in der Schlacht, d.h.im Alltag, denk weiter an mich.Im Angesicht des Todes hat die Frau ein klares Bild von dem, was passieren wird.Im Gegensatz zur Todesverdrängung in unseren Gesellschaften.Da stören die Toten nur, als ob sie nie existiert hätten.Meine Figuren werden sich, wenn sie sterben, bewußt, daß sie gelebt haben.

TAGESSPIEGEL: Richard III.ist frei nach Jan Kott ein Amoralist.Er ist ein machtbesessener Mensch.Die Moral wird in Ihrem Roman als Frage nach Schuld und Scham gestellt.Hat sie mit Shakespeare zu tun oder eher mit Dostojewskis "Schuld und Sühne"?

MARIAS: Es gibt ein moralisches Dilemma in diesem Roman, aber es ist kein moralischer Roman im klassischen Sinn.Niemand ist schuldig, weil es kein Verbrechen gibt.Wenn sich der Erzähler schuldig fühlt, dann, weil er überlebt.Er fragt sich, wie ist es möglich.Noch vor wenigen Augenblicken wollte diese Frau mit mir schlafen, und jetzt stirbt sie in meinen Armen, und ich kann nichts dagegen tun.Es gibt kein Verbrechen, und trotzdem fühlt sich der Erzähler und am Ende auch sein Antagonist schuldig an dem Tod einer Frau.Alles ist mit allem verkettet.

TAGESSPIEGEL: Was ja an Ihrem Roman "Morgen in der Schlacht denk an mich" auffällt, ist eine eigenartige Verlangsamung der Zeit.Auf den ersten Seiten weiß der Leser schon, daß die Frau in dem Bett sterben wird, aber ihr Tod zieht sich über mehr als hundert Seiten hin.Ähnlich ist das in dem moralischen Roman "Schuld und Sühne" von Dostojewski.

MARIAS: Der Roman ist, glaube ich, die literarische Gattung, die in bezug auf die Zeit am flexibelsten ist.Der Roman ist leicht manipulierbar.Im Roman kann man über die Zeit am besten nachdenken, sie reflektieren.Aber ich dachte weniger an Dostojewski, den ich ohne große Begeisterung gelesen habe, als an Laurence Sterne, den ich vor zwanzig Jahren übersetzt habe.Sein "Tristram Shandy" ist der Roman, der am freiesten mit der Zeit umspringt.Sterne entfaltete diese Fähigkeit, den Lauf der Handlung durch Digressionen zu unterbrechen.Er schafft es, daß zwei Figuren eine Treppe hinuntergehen und für zwei Stufen zwanzig, dreißig Seiten brauchen.Diese Verschiebung der Zeit fasziniert mich.

TAGESSPIEGEL: Sie haben mit 19 Jahren Ihren ersten Roman veröffentlicht und danach angefangen zu übersetzen, dann Literaturwissenschaften studiert.Wann hatten Sie zuerst diese "Berufung", Schriftsteller zu werden, gespürt?

MARIAS: Als Junge, mit zwölf, dreizehn Jahren gefiel es mir, Geschichten zu schreiben.Ich erinnere mich an ein ganz einfaches Motiv.Ich habe natürlich Abenteuergeschichten gelesen, von Jules Verne oder von Richmond Crompton, die Abenteuer eines William Brown.Diese Geschichten haben mich inspiriert, selbst zu schreiben.Ich habe geschrieben, um mehr zu lesen.Ich stellte mir vor, wenn ich allein auf einer Insel wäre, würde ich nur Papier mitnehmen, um zu schreiben und dann zu lesen.Später kamen einfachere Motive für das Schreiben hinzu.Auf diese Art und Weise muß ich nicht früh aufstehen, habe ich keinen Chef.Aber das sind schon wichtige Dinge.Nicht wahr?

TAGESSPIEGEL: Warum haben Sie dann so viel übersetzt?

MARIAS: Übersetzen ist für mich die bestmögliche Schule für einen Schriftsteller.Es gibt in allen Ländern sogenannte Werkstätten für das Schreiben, "creative writing"- Kurse und all das.Mir scheint es ziemlich schwierig zu sein, das Schreiben zu unterrichten.Man kann vielleicht lehren, wie man nicht schreibt.Aber wie man richtig schreibt, kann man nicht lernen.Außer durch Übersetzen, Übersetzen, Übersetzen.Wer nicht fähig ist, auf seinen eigenen Stil zu verzichten, wer nicht fähig ist, den Stil eines früheren oder zeitgenössischen Autors zu übernehmen und ihn ordentlich in die eigene Sprache zu bringen, wird auch kein Schriftsteller.

TAGESSPIEGEL: Wie erklären Sie sich den immensen Erfolg Ihrer beiden letzten Romane in Deutschland?

MARIAS: Das ist ein spezieller Fall.Sicher hat das mit dem Fernsehen zu tun.Aber ich kann es mir nicht ganz erklären, auch nicht für Spanien, Frankreich und Italien.Denn ich glaube, daß meine Bücher nicht einfach sind.Sie sind auch nicht ganz schwierig.Sie sind komplex, die Zeit ist nicht absolut linear, es gibt lange Sätze.Viele Leser sagen mir, sie seien bei der Lektüre wie hypnotisiert.Ein Kritiker sagte mir, in Deutschland würde mein Roman "Morgen in der Schlacht denk an mich" wie ein Krimi verkauft.

TAGESSPIEGEL: Einmal haben Sie gesagt, Sie würden am liebsten Ihren spanischen Paß abgeben.Welche Beziehung haben Sie zu Ihrem Land?

MARIAS: Als ich gesagt habe, ich würde am liebsten meinen Paß abgeben, habe ich mich über viele spanische Schriftstellerkollegen und Kritiker aufgeregt, die mir vorgeworfen haben, ich sei überhaupt nicht spanisch.Ich schriebe englisch.Dabei bin ich in Madrid geboren, in einen typischen Madrider Viertel, in Chamberí.Sicher, ich habe lange im Ausland gelebt.Aber ich bin ganz sicher kein typischer Spanier für den Export.Mich interessiert der eher normale spanische Bürger, der absurderweise in der Literatur bisher kaum vorkommt.Man hat diese Folklore auch noch als Waffe gegen mich eingesetzt, und da habe ich gesagt, wenn das so ist, dann gebe ich eben meinen Paß ab.

TAGESSPIEGEL: Was stört Sie an den Spaniern?

MARIAS: Das eine gefällt, das andere mißfällt mir.Spanien ist ein Land mit einer gewissen Grausamkeit.Das gefällt mir gar nicht.Sie ist überall zu finden, auch in der Presse wird sie verbreitet: alte Rechnungen werden beglichen, politische Machenschaften existieren.Am meisten gefällt mir eine gewisse Großzügigkeit der Leute.Eine Gastfreundschaft gegenüber den Fremden.Es ist ein offenes Land, in dem das Geld eine nicht so große Rolle spielt.Das gefällt mir.

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