Kultur : Was suchst du hier, Dichter?

Eine Auswahl des großen litauischen Lyrikers Tomas Venclova

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Von Olga Martynova

Tomas Venclova ist der bekannteste litauische Lyriker. Bis er 1977 die Sowjetunion verließ und nach Amerika übersiedelte, pendelte er zwischen Vilnius, Moskau und Leningrad. Die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts waren zu dieser Zeit vorbei, nur der Druck des kommunistischen Himmels verdichtete die östliche Atmosphäre. Aus diesem dichten Nebel gingen große lyrische Texte und große politische Gesten hervor. In den 70er Jahren ging es darum, dass ein Künstler entweder für „die Macht“ arbeitet oder sich gegen sie stellt.

Obwohl ein aktives Mitglied der damaligen Bürgerrechtsbewegung, war Venclova kein politischer Dichter. Es ist viel Zeit seither vergangen, und man kann sich heute an die damals donnernden n der Dissidenten nur noch mit großer Mühe erinnern. Was aber zählt und überdauert, sind die Gedichte. In ihnen ist mehr von der Geschichte aufbewahrt als in gestrigen Zeitungsberichten und heutigen Geschichtsbüchern.

Das gilt auch für die heute in Paris lebende russische Lyrikerin Natalja Gorbanewskaja, die 1968 am Roten Platz in Moskau gegen den sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei protestierte. Ihr ist eins der melancholisch ausgewogenen Gedichte Venclovas gewidmet: „Wenn selbst die Fremden nicht mehr richtig fremd sind, / Wenn alles, was es nicht mehr fertigbrachte / Zu geschehen, stromabwärts geht mitsamt dem Nichtsein – / Als ob das Nichtsein eine Richtung hätte - / Wenn sich der Tag erschöpft hinter der Stadt / Und vor dem Wolkenbruch der Lautsprecher aufdröhnt, / Dann sollten wir uns nicht versperren vor / Des Sommers allerletzten Augenblicken“.

Viele Jahre, die Venclova in Russland verbrachte, seine Liebe zur russischen Literatur, seine persönliche Bindung an russische Kollegen (all das ist für Autoren aus dem Baltikum eher untypisch) gaben ihm nicht nur in der Kultur Russlands ein Zuhause, sondern öffneten ihm auch das Fenster nach Westen, so paradox das auch klingen mag. Eine besondere Freundschaft verband ihn mit dem Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky bis zu dessen Tod im Jahre 1996. Brodskijs Gedicht „Litauisches Divertissement“ ist Tomas Venclova gewidmet und präsentiert im Russischen die Stadt Vilnius so, wie im Deutschen das Gedicht „Wilna“ von Johannes Bobrowski für diese Stadt steht. Umgekehrt ist in vielen Texten von Venclova der Petersburger Atem mehr als nur zu spüren. Da ist die Pestel-Straße, in der Brodskij wohnte: „Was sucht du hier, Dichter? / Ein alter Balkon, ein verwischter / Text auf bröckelndem Putz, / Zu Staub gewordene Welt“. Da ist das unheimliche Petersburg Ossip Mandelstams: „Bist du zurückgekehrt zu dem gelobten Ort, / Dem Stadtplan, der Kopie, dem Skelett? / Die Admiralität ist fortgeschwemmt vom Schneesturm, / Verblaßt der geometrische Farbaufstrich / Der Fläche“.

Tomas Venclovas Gedichtband „Vor der Tür das Ende der Welt" ist bereits 2000 im Rospo Verlag erschienen. Inzwischen existiert dieser Verlag nicht mehr. Der Hanser Verlag rettete nun das Buch. Dies ist um so erfreulicher, da Tomas Venclova zu den wenig und langsam schreibenden Lyrikern gehört und nicht jedes Jahr eine neue Lyriksammlung anbietet. Das Buch wird mit einem Text abgeschlossen, den Joseph Brodsky 1989 für eine polnische Ausgabe der Lyrik Venclovas geschrieben hat: „Poesie als Form des Widerstandes gegen die Realität“. Für Brodsky ist die Form des Widerstandes eben die Form. Venclova wird als „ein hochgradig formaler Dichter“ gelobt. Nach den besten formalen Regeln der Rhetorik beginnt Brodsky mit einer vernichtenden Kritik des freien Verses und zählt die geschichtsphilosophischen Gründe auf, weshalb ihm der freie Vers peinlich ist. „Die Sprache ist ihrer Natur nach metaphysisch, und häufig verweist eben der Reim auf die Wechselbeziehungen zwischen Begriffen und Erscheinungen, die in der Sprache gespeichert, aber vom rationalen Bewußtsein des Dichters nicht registriert sind“, so Brodsky.

Wer vom Wesen des Reims etwas ahnt, spürt in dieser Ansicht die Wahrheit. Brodsky steht darin der Auffassung Schopenhauers nah, der meinte, daß Metrum und Reim dem Poeten es so zu reden vergönnen, wie es sonst niemand dürfe. Aber nie und nirgends hat der Reim die Funktion des Treibstoffes, wenn es um eine Übersetzung geht. Deshalb kann man die Entscheidung des Übersetzers Rolf Fieguth, in seiner Nachdichtung auf den Reim zu verzichten, um andere Elemente der lyrischen Spannung zu retten, nur begrüßen, seine Bemerkung zu den Übersetzungen ist jedoch überflüssig. Sie sind auch ohne Berufung auf Klopstock und ohne Widerstand gegen das russische Versmaß und den Reim sehr gelungen. Sie haben Klang, lassen die Wörter alliterierend miteinander sprechen und präsentieren die souveräne und komplizierte Welt des Dichters Tomas Venclova, wie im bereits zitierten Gedicht zum Gedenken an Ossip Mandelstam: „Er geht in einen Februarmorgen, / Der das erstarrte nördliche Rom umarmt, / In einen anderen Raum, hat einen Rhythmus / Gewählt, welcher Zeit des Schnees gleicht“.

Tomas Venclova: Vor der Tür das Ende der Welt. Gedichte. Übertr. von Rolf Fieguth. Interlinearübersetzung von Claudia Sinnig-Lucas. Carl Hanser Verlag München 2002, 95 S., 13,90 €.

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