Kultur : Was vom Filme übrig blieb

Silvia Hallensleben

streichelt wertvolle Ausschussware Wer einmal das mühselige Zusammenschnipseln eines Interviewfilms aus Gesprächssitzungen miterlebt hat, weiß, wie viel Material dabei der Ökonomie der üblichen Fernseh- und Filmformate geopfert werden muss. Wir Zuschauer kennen das Fehlende nicht, das wir vermissen könnten – die Filmemacher dagegen leiden: In ihren Archivschränken lagern Megastunden ungenutzter Interviews, die im besten Fall eines Tages beim Nachlassverwalter landen. Der gerade mit dem Käthe-Kollwitz-Preis ausgezeichnete Medienkünstler und Filmemacher Lutz Dammbeck macht jetzt aus dieser Not eine Tugend und öffnet sein Kämmerchen für ein paar Tage der Öffentlichkeit: Noch bis Sonnabend präsentiert er im Tesla-Club des Podewil zwei Programme mit ungeschnittenen Interviews zu Das Netz – einem Film, dem fürs Kino der Untertitel „Unabomber, LSD und Internet“ angehängt wurde. Die Gespräche mit Künstlern und Wissenschaftlern, etwa Heinz von Foerster oder ARPA-Net Erfinder Robert Taylor, die schon früh mit künstlicher Intelligenz, Drogen und Bewußtseinskontrolle experimentierten, dürften für alle an Kulturgeschichte Interessierten aufschlussreich sein.

Den atmosphärischen Hintergrund zu derlei Gesprächssequenzen gibt mit North by Northwest (Dienstag und Mittwoch in OmU im Lichtblick) einer der schönsten Filme von Alfred Hitchcock. Der ist zwar schon 1959 erschienen, erfühlt die Sechzigerjahre-Mischung aus demokratischer Institutionalität, technischer Modernität und sozialer Klaustrophobie aber ahnungsvoll voraus. Hitchcocks Lust an den Mitteln technischer Fortbewegung vom UN-Fahrstuhl bis zum romantischen Ende im Bahntunnel hat Vorläufer schon im Kino der Vorkriegsjahre, das sich seit Lumières Bahnhofseinfahrt mit Begeisterung all dem Motorgetriebenen widmet, das zu Land, Luft und Wasser kreucht und fleucht.

Ein von Klaus Kreimeier eingeführtes und von Steve Garling musikalisch begleitetes Programm des „Kolloquiums zum frühen Film“ im Arsenal bietet am Freitag neben Schiffs- und Luftschiff-, Straßenbahn- und Hochbahnfahrten auch den verheißungsvollen Titel Ein italienisches Unterseeboot taucht. Tags drauf geht es mit Detektivfilmen zu den Vorläufer des Thrillers zur Sache – spektakuläre Verfolgungsjagden inklusive.

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