Kultur : Was vom Kino übrigbleibt

MARION AMMICHT

Schon spannend, wie so eine Geschichte weitergehen soll: Eigentlich wollte Klaus, der auch mit Nachnamen so heißt und von sich behauptet, daß er ein Schriftsteller sei, nur einen Suzuki kaufen. Doch dann ist er da in diese Autowerkstatt im Wedding, beziehungsweise in die Baracke am Deutschen Theater geraten. Wo in der Inszenierung von Thomas Ostermeier die Kaffeemaschine gemütlich schnurrt, wo fünf seltsam radebrechende türkische Mechaniker ritualisierte Schreittänze um einen alten, roten, rostlaubigen Porsche aufführen, wo von fern verführerische fremde Musik erklingt. Und plötzlich war da dieses "istanbuler Gefühl", die Sehnsucht nach dem Anderen, wo die Schattenseiten der Straßen "wie die finnische Flagge" aussehen und die verschleierten Bräute ununterbrochen ihren verliebten Männern hinterhertelefonieren. Da hat Klaus Klaus, dieser zerknitterte, verquaste, heimatlose deutsche Cordhosenverschnitt, gespielt vom großartigen Falk Rockstroh, ganz allmählich sich selbst und sein bißchen verzweifelten Verstand verloren, seine Frau in die Wüste und einen dahergeradelten Deutschen mit einem türkischen Klappmesser einfach ins Jenseits geschickt.

Der Berliner Russe Alexej Schipenko hat sich diese Geschichte ausgedacht. "Suzuki I" heißt das Stück. Wie die Story weitergeht, ist doppelt spannend: Zum einen, weil "Suzuki I" in Ostermeiers Regie bislang eine runde Sache war, zu der es nicht mehr viel hinzuzufügen gibt. Zum anderen, weil "Suzuki II", die Fortsetzung, die Schipenko dennoch auf Drängen des Regisseurs ersonnen hat, die letzte Barackeninszenierung des designierten Schaubühnenleiters Ostermeier ist. Was also kann einem wie Klaus Klaus noch groß passieren? Kann so ein erfolgreicher plot überhaupt noch weitergehen?

Zunächst einmal kehrt Klaus, sein wimmerndes, landsmännisches Opfer im Schlepptau, ganz klassisch an den Ort des Verbrechens zurück. Wieder also Stephan Fernaus geniales, realverschmutztes Werkstattgehäuse, dessen riesige Glastürfront mitten ins echte Leben der Schumannstraße mit ihren verdutzt glotzenden Paaren und Passanten führt. Und die bekommen an diesem Abend so einiges zu sehen. Denn "Suzuki II" ist action pur: da gibt es die zwei knatternden Russenmafiosi, einen nebelspeienden Kühlschrank, einen Kofferraum voller Koks, einen peitschenschwingenden Türkenvater, der unters glühende Bügeleisen gerät, einen schwulen Polizisten, benannt nach und gespielt von Fernsehkomissar Jochen Senf, und ein apokalyptisch-apotheotisches Opernduett. Und am Ende spielt Klaus, der häßliche Deutsche, dem sterbenden türkischen Vater den Sohn und reitet mit seiner "Ex" (herrlich neurotisch: Jule Böwe) in den Sonnenuntergang. Kurz und gut: Schipenko und Ostermeier sprengen die eigene Geschichte einfach in die Luft, kübeln auf die Bühne, was vom Kino übrigbleibt, und produzieren dabei nichts als einen großen, bunten Haufen Fiction-Pulp. Der neue Ostermeier? Wohl eher ein rauschendes Abbruchsfest. Und irgendwie auch ganz lustig, solange davon bloß keine Fortsetzung folgt.

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