Kultur : Was vom Leben übrigbleibt

Silvia Hallensleben

Manchmal haben die Übersetzer keine Chance. Oder wie sollte man den Titel "Les glaneurs et la glaneuse" zutreffend im Deutschen wiedergeben? Denn erstens ist "glaneur, se" im Wörterbuch als "Ährenleser(in)" wiedergegeben, "glaner" als "(Ähren) lesen, stoppeln, sammeln". Und zweitens geht das kontrastierende Spiel mit den Artikeln im deutschen Einerlei schlicht unter. Dabei ordnet Agnès Varda ganz antifeministisch Mann wie Frau der männlichen Form unter, um sich selbst ganz feminin als einzige Frau zu setzen. Denn "la glaneuse", die Sammlerin, ist wohl die Filmemacherin selbst. "Les glaneurs", die Sammler, sind dann alle anderen. Im Englischen heißt der Film übrigens "The Gleaners and I".

Das Ich: Agnès Varda, eine der letzten Überlebenden der französischen Nouvelle Vague. Und eine Sammlerin aus Profession und Leidenschaft. Denn ist nicht auch das Filmemachen eine Form des Sammelns? Jetzt hat die Regisseurin eine Digitalkamera bekommen, das ideale Spielzeug für solche Leidenschaft. Und sie hat damit einen schön verspielten und sehr persönlichen Film gemacht: über das Sammeln und die, die es betreiben, sich selbst eingeschlossen.

Weil Varda eine enthusiastische Frau ist, die sich für ein verstaubtes Gemälde genauso begeistern kann wie für eine verwachsene Kartoffel, kommt auch beides (und viel mehr!) im Film vor. Es sind nämlich die nach der Ernte zurückgebliebenen Früchte, die historisch das Recht auf Nachlese begründen. Bis heute bleiben die Früchte, die den Erntemaschinen und EU-Normen nicht gewachsen sind, auf dem Feld liegen.

Die Nachlese ist immer noch offiziell erlaubt: Varda lässt einen Maitre durchs Kohlfeld stapfen, der die entsprechenden Regeln des Code Civil rezitiert. Und das Sammeln wird praktiziert, aus Not wie aus Überzeugung, von Obdachlosen und Armen, doch auch von Menschen, die sich dem Geldverkehr bewusst verweigern und stattdessen die Müllcontainer der Supermärkte durchsuchen, wo die nach dem Verfallsdatum aussortierte Ware landet. Es sind Menschen, die gemeinhin als Spinner gelten, wie etwa der junge Biologe, der sich mit Wochenmarkt-Abfällen und dem Verkauf von Obdachlosenzeitungen durchschlägt, um abends im Wohnheim Alphabetisierungskurse für Einwanderer anzubieten, umsonst und freiwillig. Offiziell ein Sozialfall, ein Versager.

Leben jenseits der Verwertungsgesetze: Vardas Film spiegelt in den Lebensentwürfen, die er uns vorführt, die Beschränktheiten der praktizierten Normalität. Manchmal wird das Sammeln auch zur Marotte. Dann landet das Gesammelte im Museum, im Wohnzimmer oder in der Garage. Und in philosophischer Hinsicht, Müllsammler wissen das, ist das Gerümpel auch ein Schutz gegen das große Nichts.

Irgendwo auf dem Sperrmüll findet Varda eine Standuhr ohne Zeiger. Jetzt steht sie von Hunden bewacht bei ihr zu Hause. Immer wieder filmt die 72-Jährige auch die verrunzelten eigenen Hände. Man kann sehen, sagt sie, das Ende ist nah. Dann richtet sie die Kamera neugierig auf ein paar vorbeifahrende Schwertransporter. "La glaneuse" ist auch das Resümée eines Sammlerinnenlebens.

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