Kultur : Was vom Menschen bleibt

Christine Lemke-Matwey

Ist da wer? Sitzt da wer? Zwei Gestalten, in einer Plexiglaskiste eng aneinander gedrückt, in eidottergiftiges Gelb getaucht und mit turmhohen, rostroten Perücken beschwert? Lichtbalken und Filmprojektionen jagen über die von sonderbaren Käfigen umstellte Spielfläche. Projektionen einer Megalopolis, kurz: von unserem alltäglichen Leben. Auch die Musik gibt nicht wirklich Aufschluss, was da war oder was da kommen wird. Ein paar Tupfer auf dem Cymbalon, ein kurzes Rascheln vom Schlagwerk, eine Säge, die leise klagt. Schließlich ergreift Emilie, die Frau (Julia Küßwetter), die Initiative, befreit sich im exaltiert sprudelnden Rede- und Sangesfluss - und verschwindet in der Versenkung. Egon, der Mann, hat wieder nicht geredet. Es ist nicht viel, was vom Menschen übrigbleibt, sagt der Komponist und Rihm-Schüler Jörg Widmann in dieser "K(l)einen Morgensternszene", wenn man sein Gegenüber, das Du, den anderen, nicht begreift. Womit seine "Monologe für zwei", die vierte und letzte Uraufführung der diesjährigen Münchner Biennale (vgl. Tagesspiegel vom 30.4. und 7.5.), deren Motto von den "virtuellen Realitäten" geschickt austrickst.

Die Anlage des Ganzen freilich ist komplizierter zu erklären, nennt sich im Untertitel, streng machartlich, Zwei Musiktheaterstücke mit Intermezzo für einen Schauspieler, Frauenstimme, Ensemble und Tonband und packt drei gänzlich verschiedene, zwischen 1997 und 2002 entstandene Kompositionen am dramatischen Schopf: eben jene "Morgensternszene" sowie "Das Echo" (nach Texten von Vera Linhartova und Jürgen Becker, gewissermaßen die umgekehrte Konstellation), getrennt durch ein satanisches siebeneinhalbminütiges Violinsolo ("Aneinander vorbei"), von der jungen Carolin Widmann mit hinreißendem Virtuosinnenbiss dargeboten. Dass sich die genannte Stückelung überhaupt zu einer Dreiheit fügte, ja dass auf der Bühne des Münchner Akademietheaters so etwas reflektiert werden konnte wie der Kampf der Geschlechter oder die Macht und Ohnmacht von Sprache, war in erster Linie Florentine Kleppers Regie und Chalune Seiberths Ausstattung zu verdanken. Wie Egon (Heiko Raulin) sich in slow motion in die "Echo"-Figur des "Er" verwandelt, wie er sich die Perücke vom Schädel reißt und gleichsam gehäutet seinem Kostüm entsteigt, um sich wie eine obszessive Ausgeburt seiner selbst in den aberwitzigsten, dadaistischen Wortkaskaden zu wälzen - das besaß theatralisches und ästhetisches Format. Ohne sich in technische Spielereien oder konzeptionelles Klügeln zu verlieren, legte das Regie-Team von der Bayerischen Theaterakademie den Finger auf die richtige Wunde: Oper hat, bis heute, mit Menschen zu tun - und wenn diese auch nur mehr stammeln können und nichts mehr von sich wissen. Am Ende jedenfalls siegt das weibliche Echo.

Neu ist dies alles nicht. Neu ist auch Widmanns Musik nicht, die bei allem Drang zum Deklamatorischen, kompositorisch Ausgedünnten, starke Anleihen bei der klassischen Moderne macht, bei Hindemith und Alban Berg. Aber sie hat Frische und originellen Witz und scheut sich nicht vor hitzigen Übersteigerungen. Ulrich Nicolai und das Ensemble piano possibile setzten sich bravourös mit dieser Partitur auseinander - ganz im Gegensatz zu ihren Hamburger Konkurrenten, dem Ensemble 21 unter Mark Rohde, die sich vor der Pause mit einer eher kursorischen Lektüre und Ausführung zufriedengaben. Der Clou nämlich sollte darin bestehen, dass zwei Fassungen der "Monologe für zwei", eine Hamburger und eine Münchner, in zwei Inszenierungen direkt miteinander konfrontiert werden sollten. Indem sich die Hamburger jedoch auch in der szenischen Qualität (das Stück als stümperhafter Konzert-Slapstick) deutlich unterlegen zeigten, fand er nicht statt. Fazit dieses Abends wie des ganzen eher schwachen Biennale-Jahrgangs 2002: Musiktheater hat mit Theater zu tun. Und das Experimentieren mit neuen Technologien tut selten weh.

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