Kultur : Was vom Texte übrig blieb

Becketts „Residua“ in den Berliner Sophiensälen

Patrick Wildermann

Der Samuel Beckett unseres Theaterbewusstseins, das ist der „Endspiel“-Apokalyptiker, der „Warten-auf-Godot“-Weltverfinsterer, der „Glückliche-Tage“-Albträumer der fünfziger Jahre. Es ist der Dramatiker des ironischen Infernos, der seine Figuren aufs groteske Existenzminimum zurückwirft und ihnen wenig mehr als die Komik der nackten Verzweiflung lässt. Jener Mülltonnen-Menschenkundler, den manche fälschlich zum Pin-upBoy des Pessimismus verklären, obwohl er doch die These vertrat, dass alle Existenz mit Freude enden müsse, mit gewaltigem Trotz gegen das grauenhafte Leben.

Den Regisseur Oliver Sturm aber interessiert nun ein anderer Beckett, ein unbekannterer. Gleichsam ein unzugänglicherer, radikalerer, reduzierterer – und nicht komischer. In seiner Inszenierung von „Residua“, was für Rückstände und Überbleibsel steht und auch der Titel einer Sammlung später Beckett’scher Prosatexte ist, vereint Sturm die fragmentarischen Wortschleifen „Bing“ und „Losigkeit“ sowie die szenische Miniatur „Tritte“. Der anlässlich des 100. Geburtstags von Samuel Beckett entstandene Abend, der in den Sophiensälen Premiere feierte und anschließend nach Tel Aviv und Krakau weiterreisen wird, ist eine verstörende Sinnbildverweigerung, es sind Sprach-Exerzitien, die von der Auflösung des Bewusstseins erzählen. Mit einer namhaften Besetzung, die dem strapaziösen, kopfkonzentrierten Unternehmen die verdiente Aufmerksamkeit verschafft.

„Wäre Beckett ein Maler“, schrieb einmal Georg Hensel, „so gehörte er zu den Monochronisten, die für jedes Bild nur eine Farbe bemühen.“ Oliver Sturm zeigt Beckett in seiner „weißen“ Periode. Kein Halt, nirgends. Der bildende Künstler Till Exit schafft dafür den kongenialen Klangraum. Seine Beckett-Installation besteht aus einem Boxen-Podest, einem bodenflachen, hölzernen Laufsteg, drei weißen Trennwänden und zwei überdimensionalen Lautsprechern im Hintergrund. Der Schauspieler Graham F. Valentine deklamiert zu Beginn auf dem Podest den Stakkato-Text „Bing“, eine an Heiner Müllers Sprachschärfe erinnernde, schmerzlich ins Gehör schneidende Zwölftonmusik in Silbenform. Im Nadelstreifenanzug, als großer Diktator der Identitäts-Zertrümmerung, zerhackt Valentine diesen Traktat über einen gefangenen Körper: „Alles gewusst alles weiß nackter weißer Leib ein Meter Beine aneinander wie genäht.“ Die zusammenhanglosen Sätze wiederholen sich schreibmaschinenrhythmisch, durchschnitten von den Worten „Hop“ und „Bing“, die aus den Lautsprechern schallen. Das wirkt in seiner unerbittlichen Stimmgewalt ebenso beklemmend wie Traugott Buhres Vortrag von „Losigkeit“, einem Text, der allegorisch die Verlorenheit eines Flüchtlings in einer ausweglosen Welt verhandelt. Buhre, an Krücken, spricht ihn in der Tradition der großen Beckett’schen Trümmerfiguren, lässt an den blinden Hamm aus dem „Endspiel“ denken. Man merkt beiden Prosa-Stücken an, dass sie für die Bühne nicht gedacht sind. Aber in Sturms formstrenger Inszenierung entwickeln sie einen wuchtigen Horrorhörspielsog.

Der greifbarste Text dieser Trilogie ist „Tritte“, eine selten gespielte, aber immerhin für die Bühne gedachte Miniatur. Judith Engel verkörpert May, eine alte Frau, die rastlos auf und ab schreitend mit ihrer Mutter Zwiesprache hält, in diesem Fall mit Swetlana Schönfelds samtener Off-Stimme. „Tritte“ erzählt von einer fatalen, nie gelösten Abhängigkeit zwischen Tochter und Mutter. Womöglich, auch diese Ebene legt Beckett im Rückgriff auf die irischen „ghost plays“ nahe, ist May schon vor langer Zeit verstorben, hat aber den eigenen Tod verpasst. So spielt Judith Engel das auch – als Gespenst im Strickkleid, die Stimme entrückt, der Körper gebogen, paradiert sie auf dem Laufsteg, jeder Schritt ein memento mori. Sturms „Residua“ ist eine Beckett-Andacht, eine Totenfeier – Wort für Wort geistesgegenwärtig und bedenkenswert.

Wieder vom 22.–26. Februar.

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