Kultur : Was von Preußen bleibt (3): Wir blicken auf das Original

Harald Martenstein / Uwe Schlicht

Gehorsam: Erleichtert den Alltag

Ungehorsam ist natürlich die erotischere Tugend. Todesmut vor Tyrannenthronen, wehrt euch, leistet Widerstand, Graf Stauffenberg, Walter Jens, die Meuterei auf der Bounty ... das ist sexy, da steckt Musik drin. Gut, dass wir in unserem modernen Alltag nur selten Helden sein müssen, weil wir es in Deutschland zur Zeit selten mit größenwahnsinnigen Diktatoren oder menschenverachtenden Dienstanweisungen zu tun bekommen. In solchen Fällen wäre Ungehorsam selbstverständlich Pflicht, das lernt man ja schon in der Schule. Aber den Ungehorsam der Männer des 20. Juli zu preisen ist das eine, sich in einer dieser soften Post-68er-Hierarchien an getroffene Vereinbarungen zu halten, ist das andere. In den Post-68er-Hierarchien wird vor wichtigen Entscheidungen erst einmal diskutiert, und wer für Argumente nicht zugänglich ist, egal, ob als Chef oder Untergebener, der ist nicht mutig, sondern blöd. Deswegen verhält der Ungehorsame sich in einer modernen Hierarchie nicht etwa heldenhaft, sondern unsozial. Vielleicht sind "Loyalität" oder "Berechenbarkeit" die richtigeren, moderneren Wörter - dafür, dass es Spielregeln gibt, die gültig sein müssen, sobald man sich mühsam darauf geeinigt hat. Sogar im Begriff des "zivilen Ungehorsams" steckt eine kleine Verbeugung vor dem Gehorsam: Er ist der Normalfall, ohne den es keinen zivilen Ungehorsam geben kann. Wo alle ungehorsam sind, fallen die Ungehorsamen nicht mehr auf.

Das Besondere am Gehorsamsbegriff der Preußen war, dass er für alle galt, Herrscher und Volk. Deswegen bedingen bei den Preußen Gehorsam und Ungehorsam einander: wer Loyalitätspflichten verletzt, verliert den Anspruch auf Gehorsam. Eine alte Preußin, die "Zeit"-Herausgeberin Gräfin Dönhoff, hat dieser Tage erklärt, wie sehr der Wilhelminismus uns den Blick auf die preußischen Tugenden verstellt. Der Wilhelminismus war Preußen degeneriert. Der Kern der originalen Preußen-Idee des Gehorsams bestand darin, dass sie sich auf Prinzipien bezog - man gehorcht dem Gesetz, nicht etwa dem König. Das war damals eine fortschrittliche Idee und ist bis heute das genaue Gegenteil von Adolf Hitlers Führer-Prinzip. Die Regeln zu befolgen, sofern man sie als vernünftig erkannt hat, und bei zwei oder drei Regeln, die man für unvernünftig hält, die Zähne zusammenzubeißen: so etwas macht den Alltag leichter - ach was, überhaupt erst möglich. Harald Martenstein

Toleranz: lockt Talente an

Das Kunstgebilde Brandenburg-Preußen, ein zerrissener Staat ohne nennenswerte Bodenschätze, dafür reich an Sand und Sümpfen, benötigte qualifizierte Untertanen. Brandenburgs Monarchen holten sich die Glaubensflüchtlinge Europas und mit ihnen Talente ins Land. Aus Frankreich, dem Salzburgischen, aus dem heutigen Tschechien. Nur mit Toleranz waren die Flüchtlinge in das durch den Dreißigjährigen Krieg entvölkerte Brandenburg zu locken. Der Große Kurfürst bot den verfolgten Hugenotten nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes eine neue sichere Heimat im Osten. 1685 erließ er das Edikt von Potsdam: Von 200 000 aus Frankreich vertriebenen Hugenotten wählten 20 000 Brandenburg-Preußen als Zuflucht. Ihr Wirken kam einer Entwicklungshilfe gleich. 1732 wurden die Protestanten aus dem Erzbistum Salzburg ausgewiesen: 20 000 zogen bis nach Ostpreußen. 1735/36 folgten die böhmischen Protestanten. Friedrich der Große pries den preußischen Geist: In seinem Staat könne jeder nach seiner Façon selig werden. Und seit dem Edikt von 1812 spürten schließlich sogar Juden die preußische Toleranz. Das Beispiel Preußen lehrt: Auch eine aus Staatsraison gewährte Toleranz ist Toleranz.

Doch dann kam die Wende. Im Vollzug der Karlsbader Beschlüsse von 1819 bis 1848 wurden die "Demagogen" gebrandmarkt. In Wahrheit galten die Berufsverbote, Festungsstrafen und Todesurteile den Nationalisten und Anhängern eines Verfassungsstaates. Die Repression setzte sich in Preußen und im Deutschen Reich fort: zuerst die Diskriminierung der Katholiken sowie der als "Reichsfeinde" gebrandmarkten Mitglieder der Zentrumspartei, danach die Sozialistenverfolgung. Beides hatte Langzeitwirkung über das Kaiserreich hinaus. Und den Antisemitismus machten der Historiker Heinrich von Treitschke und der Hofprediger Adolf Stoecker in Berlin salonfähig. Antisemitismus als Ausrottungspolitik war dagegen den Nationalsozialisten vorbehalten.

Was blieb von der Toleranz? Die Nationalsozialisten kündigten in dem Augenblick auch die Toleranz gegenüber den Glaubensrichtungen auf, als sie es mit standhaften Christen zu tun hatten. Erst das Grundgesetz der Bundesrepublik hat der Toleranz wieder den ihr gebührenden Rang zurückgegeben. Uwe Schlicht

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