Kultur : Was wäre, wenn?

Frank Noack

Man muss kein Gegner des Weihnachtsfests sein, um die meisten Weihnachtsfilme schrecklich zu finden. Schrecklich wegen ihrer Überdosis an Kitsch und wegen ihrer Sentimentalität. Weihnachtsfilme wollen erfreuen und gleichzeitig ein bisschen zum Weinen bringen – schließlich packt der eine Teil der Menschheit in einer gut geheizten Stube Geschenke aus, während ein anderer einsam hungert und friert. Wenn sie dann auch noch Ist das Leben nicht schön? heißen, läuten erst recht die Alarmglocken. In diesem Fall zu Unrecht, denn trotz ein wenig Kitsch und Sentimentalität, trotz der Aufforderung zum Lachen und zum Weinen ist Frank Capra 1946 ein Meisterwerk gelungen, bei dem all das berührt, was einen sonst anödet (Heiligabend im Kino Eiszeit). James Stewart verkörpert den Durchschnittsbürger George Bailey, der sich für einen Versager hält und seinem Leben ein Ende bereiten will. Für einen Versager hat er allerdings arg viel Gutes für seine Mitmenschen getan. Dies wird in Rückblenden deutlich, die mit ihrer Was-wäre-wenn-Taktik auch Tom Tykwers „Lola rennt“ beeinflusst haben könnten: Capra beschreibt den Alltag in der fiktiven Kleinstadt Bedford Falls, wie er war – und wie er ohne die Existenz von George Bailey gewesen wäre. Natürlich wäre er schrecklich gewesen, die Stadt wäre im Chaos versunken.

Schreckliches verhindern, Gutes tun – das waren für Luis Buñuel nicht gerade Ideale. Der Held seiner schwarzen Komödie Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz (1955) träumt von bösen Taten, die er leider nicht begehen kann, weil ihm der Zufall einen Streich spielt. Immer wenn er sich über eine Frau ärgert und sie umbringen will, stirbt sie ohne sein Zutun ( Freitag und Sonnabend im Arsenal) . Die schockierendste Szene dieses Films aus Buñuels mexikanischer Phase schildert eine Sachbeschädigung: Archibaldo verbrennt eine Puppe. Sie allerdings wurde originalgetreu seiner Freundin nachgebildet. Quälend langsam wird die Puppe ins Feuer geschoben – nur eine Puppe, aber man sieht dauernd die reale Frau vor sich. Gespielt wurde sie von der tschechischen Emigrantin Miroslava Stern, die nach Drehschluss aus Liebeskummer Selbstmord beging und eine Feuerbestattung verfügt hatte.

Was passieren würde, wenn in einer Kleinstadt 13 herrenlose Koffer abgegeben werden, behandelt Alexis Granowskis musikalische Satire Die Koffer des Herrn O. F. aus dem Jahr 1931 (Mittwoch in den Eva-Lichtspielen). Es kommt zu einem trügerischen Wirtschaftswunder: Alle glauben, die Koffer gehören einem Reichen, der die Stadt besuchen will. Zu dem kaum überschaubaren Darstellerensemble zählen Hedy Lamarr, die sich damals noch Kiesler nannte, Peter Lorre und Ernst Busch.

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