Kultur : Was war das ’ne tolle Zeit

Eine Filmdokumentation über die Schauspielerin Jenny Gröllmann

Verena Mayer

Schon wie der Film über die Schauspielerin Jenny Gröllmann entstanden ist, offenbart das Dilemma. Eines Tages habe sie mit Gröllmann bei Spaghettini zusammengesessen, erzählt Regisseurin Petra Weisenburger. „Wir haben viel gelacht über lauter absurde, tragikomische Geschichten. An dem Abend dachte ich, ich hätte so gern eine Kamera dabei …“

Hier ist jemand jemandem also sehr nah. Für den Dokumentarfilm „Ich will da sein – Jenny Gröllmann“ heißt das: Zoom auf Jenny Gröllmann, wie sie im Strandkorb sitzt oder am Esstisch mit Freunden, die ihr Komplimente machen. Dazwischen kommen frühere Lebensgefährten, Nachbarn oder ein „Onkel Männe“ zu Wort, die darüber räsonieren, ob Gröllmann früher mehr der Typ Romy Schneider oder Marilyn Monroe war. Gerne fällt der Satz: „Das war ’ne tolle Zeit.“

Dabei hat das Leben der Jenny Gröllmann Elemente einer Tragödie. Kurz vor ihrem Tod wurde die populäre Schauspielerin von ihrer Vergangenheit eingeholt. 2006 war das, als „Das Leben der Anderen“ ins Kino kam. Gröllmanns Ex-Mann Ulrich Mühe, im Film ein Stasi-Hauptmann, sagte damals in einem Interview, er sei in der DDR von seiner Frau bespitzelt worden. Gröllmann stritt ab, etwas mit der Stasi zu tun gehabt zu haben, und zog gegen Mühes Aussagen vor Gericht. Eine gespenstische Auseinandersetzung über den Tod der unmittelbar Beteiligten hinaus, denn Gröllmann starb im August 2006 an Krebs, Mühe im Juli 2007. Der Rechtsstreit vor dem Berliner Kammergericht, bei dem Gröllmanns letzter Ehemann als Kläger auftrat, endete vorgestern mit der Entscheidung, dass Gröllmann nicht als IM der DDR-Staatssicherheit bezeichnet werden dürfe.

Wenig zum Thema in Petra Weisenburgers Film. Weisenburger, 1958 in Karlsruhe geboren und als Regisseurin zuletzt 1991 mit einer „Hommage an den freien Tanz in Deutschland“ in Erscheinung getreten, beschränkt sich darauf, Gröllmann triviale Aussagen zu entlocken und diese zu illustrieren. Ein Beispiel: Jenny Gröllmann erzählt, dass ihr Filmpartner Christian Grashof schöne Augen hatte. Die nächste Szene ist ein Ausschnitt aus einem DFF-Film, in dem Gröllmann und Grashof ein Liebespaar spielen und sie zu ihm sagt: „Du hast schöne Augen.“

Die ausgewählten Schnipsel sagen nichts über Gröllmanns Schauspielkunst aus. Manchmal hat die Montagetechnik sogar etwas Groteskes. Als gegen Ende die Stasi-Vorwürfe angesprochen werden, beendet Weisenburger die Debatte schnell wieder, indem sie eine Szene aus dem Fernsehfilm „Die Ritter der Tafelrunde“ einblendet. Darin tobt Gröllmann als Gemahlin von König Artus: „Es geht euch alle nichts an!“

Was man über die Künstlerin Gröllmann erfahren möchte, geht in einem Wust von Sympathiebekundungen unter. Gröllmann wurde 1947 in Hamburg, geboren, ihre Eltern siedelten aber als überzeugte Antifaschisten in den Osten, nach Dresden, über. Gröllmann wurde Schauspielerin, 26 Jahre lang war sie am Maxim-Gorki-Theater engagiert. Ihre größten Erfolge feierte sie als Charakterdarstellerin beim Film. Dort lernte sie Anfang der 80er Jahre Ulrich Mühe kennen, mit dem sie den Hölderlin-Film „Hälfte des Lebens“ drehte. Nach der Wende trat Gröllmann vor allem in Fernsehserien auf, etwa in „Liebling Kreuzberg“.

Der Rest ist Andeutung. Weisenburger erspart Gröllmann und ihren Weggefährten – darunter die Schauspieler Henry Hübchen, Michael Gwisdek oder Jaecki Schwarz – nicht nur jede kritische Frage, sie stellt überhaupt keine Fragen. Jeder darf reden, worüber er will. Einmal fällt der Satz, dass Jenny Gröllmann einen „todsicheren Griff für falsche Männer“ gehabt habe. Im Film reden dann auch nur die, die offenbar die richtigen sind. Und Ulrich Mühe, der, anders als die Interviewten, Gröllmanns Erklärungen zu ihrer Stasi-Akte keinen Glauben schenkte, geistert nur als Defa-Hölderlin mit wallenden Locken durch den Film.

Zwei Jahre lang hat Weisenburger Jenny Gröllmann begleitet und dabei jegliche Distanz verloren. Das ist ärgerlich, wenn alle möglichen Verschwörungstheorien verbreitet werden, etwa über „die Medien“ oder „den Westen“. Geschmacklos wird es, wenn Weisenburger sich als erklärte „Freundin“ versucht, in die todkranke Schauspielerin einzufühlen. Da wird Jenny Gröllmann gefilmt, wie sie über einen Friedhof spaziert und über Bestattungsarten spricht. In einer anderen Szene sieht man sie, bis auf die Knochen abgemagert, im Bett die nackten Arme wiegen. Trotz dieser Intimität berührt einen am meisten eine Szene am Meer, in der Gröllmann aus dem Off sagt, sie würde so gerne noch die Frühlingsknopsen erleben.

Babylon Mitte, heute 18 Uhr.

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