Kultur : Was weiß das Ich

Aus der Hölle des Bürgerkriegs: „Verbrennungen“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters.

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Spaßterror. Maren Eggert stellt ihre Kinder auf die Probe. Foto: Arno Declair
Spaßterror. Maren Eggert stellt ihre Kinder auf die Probe. Foto: Arno Declair

Es heißt, aus einem schlechten Drehbuch mache auch die beste Regie keinen guten Film. Aber umgekehrt scheint es manchmal zu gehen, zumindest an diesem Abend in der Kammer des Deutschen Theaters: Ein gutes Stück kriegt auch eine mitunter hilflose Regie nicht klein. „Verbrennungen“ (2003) des aus dem Libanon stammenden und seit seiner Kindheit in Kanada lebenden Wajdi Mouawad ist ein unerhörtes Stationendrama mit archaischer Wucht. Es führt die Zwillinge Jeanne und Simon nach dem Tod ihrer Mutter auf der Suche nach ihrer Herkunft in die grausame Hölle einer vom Bürgerkrieg zerstörten Gesellschaft. Die Geschichte läuft dabei mit der erbarmungslosen Folgerichtigkeit einer logischen Beweisführung ab, die in vielen kleinen Schritten auf ein Geheimnis zusteuert, das naheliegend und in seiner Unvorstellbarkeit gleichzeitig eine schreckliche Überraschung sein wird.

Aber „Verbrennungen“, das in einem nicht benannten, dem Libanon ähnelnden Land spielt, verschränkt nicht nur Familiengeschichte mit dem Porträt einer in Vergeltungsrituale zurückgefallenen Gesellschaft, sondern geht auch den umgekehrten Weg – vom Schweigen zum Sprechen, vom Analphabetentum zur Literarisierung, von der Namenlosigkeit zur Würde des wissenden Ich.

Einst schickte die Großmutter das Mädchen Nawal vom Dorf in die Stadt, mit der Aufgabe, schreiben zu lernen. Erst dann sollte sie zurückkommen, um den Namen der Großmutter auf ihr Grab zu schreiben. Nun, Jahrzehnte und mindestens einen Bürgerkrieg später, verbietet Nawal (Maren Eggert) ihren Kindern, nach ihrem Tod ihren Namen auf den Grabstein zu schreiben. Stattdessen enthält ihr Testament für jeden der Zwillinge einen Umschlag und die Aufgabe, sie dem tot geglaubten Vater und einem nie gekannten Bruder zu überreichen. Während der aggressive Möchtegernboxer Simon (tobend: Christoph Franken) von dieser Existenz-Schnitzeljagd nichts wissen will, macht Jeanne, die Mathematikerin, (kühl analytisch und dabei irgendwie verweht neben sich stehend: Kathleen Morgeneyer) sich auf die Suche. Gefängnisse, Flüchtlingslager, Hausmeister, die sich als Massenmörder entpuppen – ihre Entdeckungen werden immer grausamer.

Regisseur Tilmann Köhler inszeniert aus Jeannes Perspektive. Die Zuschauer sitzen vor und hinter einer quadratischen stählernen Spielfläche, die von einem gezackten Blitz in zwei Teile gerissen wurde. Und die Schauspieler sind unter ihnen, treten auf die Bühne und kehren nach den Szenen immer wieder in unser anonymes Wir zurück. Die lehrstückhafte Formalisierung ist naheliegend, auch die Idee, Opfer und Täter aus unserer Mitte hervortreten zu lassen – nur wird die Haltung nicht konsequent durchgehalten. Köhler erliegt der Versuchung, das eisige Spielfeld hin und wieder zur harmlosen Spielwiese werden zu lassen, auf der die Schauspieler unmotiviert herumtollen oder mit deplatzierter Witzigkeit sogar Tänzchen aufführen, bevor wieder von Folter, Vergewaltigung und verschleppten Kindern die Rede ist. Er und sein Bühnenbildner Karoly Risz liefern zwar den passenden Raum zum Stück, finden aber keine den Stoff durchdringende Tonlage.

Trotzdem: Die Geschichte entfaltet ihren schicksalhaften Sog, zwischendurch gibt es – nicht nur beim betörenden Gesang zweier arabischer Sängerinnen – kraftvoll stimmige Passagen, und der Moment, als Jeanne am Ende schließlich den Namen ihrer Mutter mit Erde auf die Spielfläche schreibt wie auf ein großes Blatt Papier, ist von erhabener Stille. Andreas Schäfer

Wieder am 7., 14., 20. und 28.9.

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