Kultur : Was weiß ich

Zwei Hollywood-Filme über die Tücken der Erinnerung: „Butterfly Effect“ und „Wie ein einziger Tag“

Kerstin Decker

Zwei Filme über das Erinnern. Haben wir Erinnerungen oder haben die Erinnerungen uns? Und wer sind wir, wenn wir gar keine Erinnerungen mehr haben? „Butterfly Effect“ und „Wie ein einziger Tag“ („The Notebook“, Filmstart am 2. September) haben dasselbe Thema und könnten verschiedener nicht sein. Alle, die bei dem Wort Erinnerung sofort an Weichzeichner denken und an eine Musikuntermalung, bei der man den Pianisten erschießen möchte, haben bei „Butterfly Effect“ nichts zu fürchten und werden am Anfang von „Wie ein einziger Tag“ möglicherweise entsetzt sein. Selten begann ein Film kitschiger als dieser, aber gehen wir mal systematisch vor.

In einem stimmen beide Filme überein: Unser Gedächtnis haben wir vielleicht noch halbwegs im Griff, aber niemals unsere Erinnerungen. Die kommen, wann sie wollen. Was sie dann mit Menschen machen, wollen sowohl „Butterfly Effect“ als auch „Wie ein einziger Tag“ wissen- Die Filme setzen damit einen Trend fort, der durch „Memento“, „Reconstruction“ und „Spider“ als Verwirrspiel der Sinne angestoßen wurde.

Evan Treborn (Ashton Kutcher) ist noch ziemlich jung und Student. Dass Evans Kindheit zu Evan zurückkehrt, merken wir daran, dass in „Butterfly Effect“ alle Wände zu wackeln beginnen und mitsamt der Inneneinrichtung und Evan einen akuten epileptischen Anfall zu erleiden scheinen. So stellen sich die Regie führenden Drehbuchautoren Eric Bress und J. Mackye Gruber die Invasion der Vergangenheit vor. Auf dieser Sublimierungsebene verharren sie konsequent und wollen damit andeuten, dass uns Erinnerungen oft viel wirklicher vorkommen als die Realität. Wenn die Vergangenheit aber wirklicher ist als die Gegenwart, was macht sie dann mit der Gegenwart?

Ashton Kutcher spielt seinen Evan mit unverkennbarem Hang zur Mittelmäßigkeit. Keine besonderen Kennzeichen. Doch Evans Kindheit war merkwürdig. Sein bester Freund gehörte zu den Menschen, in deren Kindergesicht schon der traumlos-brutale Erwachsene steht. Der steckt selbstgemachte Bomben in die Briefkästen schwangerer Frauen oder setzt lebendige Hunde in Brand. Und Evan ist immer dabei, auch weil er die Schwester des Jungsadisten mag. Sie heißt Kayleigh.

In die Wirklichkeit von vor 20 Jahren muss Evan nun öfter zurück (Wändewackeln!), die Tagebücher seiner Kindheit weisen den Weg, und, seltsam, er trifft die Freunde von einst jetzt auch öfter in der Gegenwart, besonders Kayleigh (Amy Smart). Nur ist sie immer eine andere, und auch er, Evan, unterscheidet sich bald sehr von sich. Mal hat er Arme, mal hat er keine. Und nichts bringt ihn aus dieser griffbehinderten Wirklichkeit dann wieder heraus. Diese unsentimentalen Traum-Wirklichkeitssprünge sind das Beste an „Butterfly Effect“. Und natürlich auch die Einsicht, dass die frühesten Gefährten die wirklichsten Menschen in jedem Leben sind. Später trifft man nur noch Wiedergänger.

Erinnerung ist ein sentimentales Wort. Und „Wie ein einziger Tag“ beginnt genau wie der Film, den wir immer gefürchtet haben: Einsames Boot zieht seine unendliche Bahn über einen unendlichen See, natürlich bei Sonnenuntergang. In einem schönen weißen Haus steht eine alte Frau am Fenster, das ist Gena Rowlands, und es ziehen die Wildgänse. Für diesen Anfang ist Nick Cassavetes verantwortlich, Gena Rowlands Sohn. Aber dann gelingt ihm etwas Wunderbares. Er erzählt eine Liebesgeschichte aus der Zeit, als die alte Frau am Fenster jung war. Und diese Geschichte ist so leicht, so wie zum allerersten Mal, wie wir das lange nicht gesehen haben.

Ryan Gosling und Rachel McAdams sind Allie und Noah. Wer liebt, hat keine Vergangenheit und keine Zukunft. Und wer einen guten Film sieht, auch. Leider ist „Wie ein einziger Tag“ trotzdem kein guter Film: zu viel Abend- und Morgendämmerung, zu viele gedankliche Weichzeichner. Aber da ist diese Liebesgeschichte. Und Gena Rowlands, die noch immer diesen maßlos erstaunten Gena- Rowlands-Blick werfen kann. Niemand vermag so zu staunen wie sie, nur bedeutet es jetzt: Alzheimer. Also die Unfähigkeit, eine Vergangenheit zu haben. Die Unfähigkeit, eine Gegenwart zu haben. Die Unfähigkeit, eine Liebe zu haben. Aber wenn die wahre Liebe über alles siegt, siegt sie dann nicht auch über Alzheimer? Nick Cassavetes führt den Sonnenaufgangs- und -untergangsbeweis.

„Butterfly Effect“ in 14 Berliner Kinos, OV im CineStar Sony-Center

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