Kultur : Was will der Kerl in meinem Haus?

Wie Bertolt Brecht und Fritz Wisten um das Berliner Theater am Schiffbauerdamm kämpften

Christoph Funke

Auch wenn er nach der 1947 erfolgten Heimkehr aus dem amerikanischen Exil Umwege nahm – Brecht wollte so schnell wie möglich nach Berlin, und er wollte mit einem noch zu gründenden eigenen Ensemble in das von Kriegszerstörungen verschont gebliebene Theater am Schiffbauerdamm. Der Dramatiker liebte dieses Theater seit der Uraufführung der „Dreigroschenoper“ 1928, es war ihm in der unruhigen Zeit der erzwungenen Wanderjahre während der Emigration offensichtlich zu einem Stück Heimat geworden. Von Herbert Ihering erfährt Brecht im April 1947, dass Fritz Wisten von der sowjetischen Militäradministration zum Intendanten des Theaters berufen worden ist. Auf Iherings Nachricht reagierte Brecht enttäuscht, verärgert. Offensichtlich kannte er Fritz Wisten nicht. Hätte er ihn kennen können? Der 1890 in Wien geborene jüdische Schauspieler und Regisseur war schon im März 1933 vom Württembergischen Landestheater Stuttgart fristlos entlassen worden, blieb aber in Deutschland. 1936 übernahm Wisten die Oberspielleitung im Theater des Jüdischen Kulturbundes, das 1941 geschlossen wurde. Nach vorübergehender Verhaftung musste Wisten mehrere Jahre Zwangsarbeit leisten.

Er widerstand den Nationalsozialisten, in anderer Weise als Brecht, war ein Verfolgter, der sich nicht brechen ließ. 1945 zeichnete Wisten für die legendäre Inszenierung von Lessings „Nathan der Weise“ mit Eduard vom Winterstein am Deutschen Theater verantwortlich. Ein Jahr später inszenierte er, ebenfalls im Deutschen Theater, „Der Snob“ von Sternheim – mit Gustaf Gründgens. Er war zur Versöhnung bereit.

Im Januar 1949, Brecht war nun in Berlin, erneuerte er in einer Besprechung im Ost-Berliner Magistrat mit Oberbürgermeister Ebert seinen Anspruch auf das Theater am Schiffbauerdamm – in Anwesenheit von Wisten und Wolfgang Langhoff. Seine Forderung wurde abgewiesen. „Zum ersten Mal fühle ich den stinkenden Atem der Provinz hier“, notiert Brecht im Arbeitsjournal. Für ihn war Wisten nun offensichtlich ein Gegner, der das ersehnte Haus besetzt hielt.

Der Wiederaufbau des zerstörten Volksbühnen-Stammhauses am Luxemburgplatz, das Fritz Wisten und seinem Ensemble zugesagt war, kam nicht voran, das Theater am Schiffbauerdamm wurde für das inzwischen gegründete Berliner Ensemble Brechts nicht frei. Unwillig nur akzeptierte Brecht die Zwischenlösung, bis zu Wistens Auszug mit den Aufführungen des Berliner Ensembles im Deutschen Theater unterzukommen. 1953 drohte er, Berlin zu verlassen, wenn ihm nicht endlich das Haus am Schiffbauerdamm zur Verfügung gestellt würde. Ahnte Brecht, dass ihm nur noch wenig Lebenszeit zur Verfügung stand? Wisten jedenfalls begegnete Brecht mit der Achtung, die seinerseits Brecht für Wisten offensichtlich nicht aufbringen wollte. Es war dann endlich, im März 1954, ein hastiger Einzug des Berliner Ensembles ins Theater am Schiffbauerdamm, das nicht mit einem Brecht-Stück oder einer Brecht-Inszenierung eröffnet werden konnte, sondern mit Molières „Don Juan“ (Regie: Benno Besson).

Es ist ein Akt der Achtung und der Gerechtigkeit, wenn das Berliner Ensemble und die Akademie der Künste jetzt an Fritz Wisten erinnern. Mit einer Matinee, „Soviel Anfang weckte Hoffnung“ am heutigen Sonntag, wird ein Theatermann geehrt, der aus der Berliner Nachkriegsgeschichte nicht wegzudenken ist.

Am Schiffbauerdamm und dann in der Volksbühne machte Wisten lebendiges, aufregendes Theater. Mit „Wilhelm Tell“ war Wisten am Rosa-Luxemburg- Platz eingezogen, es folgten weitere deutsche und österreichische Klassiker, aber auch zeitgenössische Autoren, Ulrich Becher, Jean-Paul Sartre (Nekrassow), Hedda Zinner. Den großen Zuschauerraum wusste Wisten zu füllen, mit einem Spielplan, der auch politische Auseinandersetzungen im geteilten Berlin nicht scheute, mit Inszenierungen, die ganz auf den Schauspieler gestellt waren. Unterhaltsames, zupackendes Theater, mit Darstellern wie Franz Kutschera, Jochen Brockmann. Herbert Grünbaum, Wilfried Ortmann, Marianne Wünscher. Engster Mitarbeiter Wistens war der Bühnenbildner Roman Weyl, zuverlässigster Zeuge der Theaterarbeit der „alten“ Volksbühne. 1962, zwei Jahre vor seinem Tod, hatte Wisten in Roman Weyls Bühnenbild Carl Sternheims „Der Kandidat“ inszeniert – mit Erwin Geschonneck, dem von Brecht bevorzugten Protagonisten des Berliner Ensembles. Unter Wisten spielte Geschonneck seine letzte Rolle am Theater überhaupt, den Kommerzienrat Russek, „mit einer mimischen und gestischen Treffsicherheit, die helles Vergnügen bereitete“, wie der Autor dieses Beitrags damals in der Berliner Tageszeitung „Der Morgen“ schrieb. Geschonneck feiert am 27. Dezember seinen 100. Geburtstag.

Die heutige Matinee im Foyer des Berliner Ensembles gestalten die einst unter Wisten wirkenden Schauspieler Gisela May, Dietrich Haugk, Klaus Herm und Otto Tausig, dazu Klaus Bölling, ehemaliger persönlicher Referent Wistens, sowie Hermann Beil. Im Anschluss wird im Foyer des 1. Rangs eine Fritz-Wisten- Büste von Waldemar Grzimek enthüllt.

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