Kultur : Was wohl die Vögel sehen

Marica Bodrožic sucht das dalmatinische Gefühl.

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Es gehört zu den großen Verdiensten von Marica Bodrožic, dass Dalmatien heute auf der Landkarte der deutschsprachigen Literatur verzeichnet ist. Ihre eigene Herkunft aus der Nähe von Split mag es ihr einfach gemacht haben, dieses Adriavorland (und pars pro toto das ganze frühere Jugoslawien) in ihren Büchern zu vergegenwärtigen. Ihr Interesse ist aber nicht Erinnerung, sondern für ihre Lebenslandschaft eine Sprache zu finden, die einen sozusagen dalmatinischen Blick auf die Welt eröffnet.

Der Balkan, erklärte Bodrožic im Gespräch einmal, gehöre schlicht allen, die dort lebten oder von da seien. Wenn man das ein Programm nennen kann, so versucht sie genau dies in ihren Romanen umzusetzen. Ihr jüngster, „Kirschholz und alte Gefühle“, ist in dieser Hinsicht der schmerzlich-schönste von allen. Die Poesie der Erinnerung an das Goldene Zeitalter einer adriatischen Kindheit prallt auf die ungesühnten Traumata des Krieges. (Beides kehrt in Gesprächen von Emigrantinnen zwischen Paris und Berlin leitmotivisch wieder). In der Fremde greifen ihre Figuren zum Narkotikum der Fiktion und Selbsterfindung und spinnen, organisiert von einer Ich-Erzählerin, in Briefen, Dialogen und Monologen die Fäden der großen Geschichte und der kleinen Geschichten zusammen.

„Kirschholz und alte Gefühle“ ist ein Buch der Freundschaften, der fortgesetzten und der sich lösenden, zugleich das Zeugnis eines in Literatur überführten zentrifugalen Weltgefühls.

In sieben Tagesabschnitten wird eine spirituelle Genesis beschworen, die auch eine Ankunft am neuen – Berliner – Lebensort umfasst, wo noch einmal die alten Fesseln spürbar werden, die dann doch abgestreift werden – um ihnen endgültig zu entwachsen. Der Schreibtisch aus heimischem Kirschholz reist dabei mit und bleibt der eigentliche Ort des Erzählens. Arjeta, Bodrožics Protagonistin, stiftet einen Ereignisraum, in dem sich allerorten Türen zum Möglichen, Magischen, Denk- und Unausdenkbaren auftun. Doch das gelingt ihr nur, weil sie auch an der Realität Anstoß nimmt. Überall wimmelt es von Vögeln, vor allem von Schwalben, in und zwischen den Zeilen: Sie allein wissen sich im Unbehaustsein einzurichten. Bodrožic tut es ihnen mit ihrer zarten, verspielten und doch genauen Sprache gleich. Jan Röhnert

Marica Bodrožic: Kirschholz und alte

Gefühle. Roman.

Luchterhand,

München 2012.

224 Seiten, 19,99 €.

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