Kultur : Was wollen Staatsmacht und Randale, Ritterethik und Barbarei?

Tom Heithoff

Warum wächst das Interesse am Thema Gewalt? Rolf Peter Sieferle, der mit Helga Breuninger den Sammelband "Kulturen der Gewalt" herausgegeben hat, sucht nach den Gründen. Nach Ende des Kalten Krieges sei "der konventionelle Krieg mit allen Schrecken" zurückgekehrt. Außerdem flutet in die vom Krieg nicht betroffenen Industrieländer die "Gewalt in die Gesellschaft" hinein, "von den Straßen in die Schulen, in die Familien, in den Alltag". Diese "diffuse" Gewalt aber habe kein Ziel außerhalb ihrer selbst, ihr Inhalt scheint das "Gewalterlebnis als solches".

Daß Gewalt ein Phänomen mit vielen Facetten ist, macht Rolf Peter Sieferle in seiner Einleitung deutlich. Gewalt im Sinne von potestas ordnet, reguliert, ermöglicht eine Herrschaft des Rechts. Als violentia hingegen verletzt und zerstört sie, "bringt Unordnung und Leid und bildet somit den genauen Gegensatz zum Recht und zur Ordnung. Und dennoch sind beide aufeinander angewiesen." Wer nach Gerechtigkeit strebt, muß auch bereit sein für deren Durchsetzung Gewalt anzuwenden. Die ordnende Staatsgewalt ist also zwiespältig, "sofern sie eine Herrschaftsordnung etabliert und gegen Widerstrebende behauptet, die selbst ungerecht und inhärent gewaltsam sein kann." Diese "legitime" Gewalt erscheint als sinnvoll. Doch auch die sogenannte "sinnlose" Gewalt kann einen subjektiven "Sinn" haben, der in der Erlebnissteigerung und Intensivierung von Selbsterfahrung liegt. Der Gewalttäter vergewissert sich seiner "vitalen Intensität", wenn er gegen andere oder sich selber - so beim Boxen, bei sexuellen Sado-Maso-Praktiken oder durch Piercing - Gewalt anwendet.

Um Gewalt in früheren Kulturen zu begreifen, betrachtet Paul Zanker, Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom in diesem Band Gewaltdarstellungen in der römischen Kunst. Auffällig sind in vielen Reliefs die Stereotypen vom minderwertigen und versklavten Barbaren-Feind, der im Gegensatz zum griechischen Feind-Bild stets als "durch und durch negative Figur" erscheint. Die Gefesselten, Gedemütigten und Verzweifelten sind Feinde der "gottgewollten Weltordnung" und allgemeinen Wohlfahrt. Auch die Arena war ein Ort, an dem - bei Verherrlichung militärischer Tugenden - bestraft und die Ordnung wiederhergestellt wurde. "Wie in den Barbarenbildern der Kaiserkunst standen sich in der Arena die Welt der Ordnung und des Chaos in einer höchst eindrucksvollen symbolischen Form gegenüber."

Gewalt - da verweist man gern auf das Mittelalter. Zu unrecht, wie Gerd Althoffs Essay erklärt. Wir kennen die "Ritterethik": Ritter schützen die Wehrlosen und zeigen Großmut gegenüber Schwächeren und Besiegten. Neu ist Althoffs These, daß selbst der üblichen adligen Fehde ein System von Regeln zugrundelag, das Gewalt begrenzen sollte. Die Institution des Vermittlers sorgte für gütliches Beilegen von Konflikten. Die Fehdeführung selbst bestand vor allem aus Drohgebärden, Risiken der Eskalation konnten genau abgeschätzt werden. Mit Nachgeben war überdies kein Prestigeverlust verbunden, und "die Summe dieser Regeln bewirkte, daß mittelalterliche Gewalt, in der Fehde praktiziert, nicht auf die Vernichtung des Gegners, sondern auf sein Einlenken zielte."

Der Sammelband versucht nicht, das Phänomen Gewalt auf einen Kern zu reduzieren. Er geht vielmehr den Weg in die Breite und in die Vergangenheit: Wie hat sich in anderen, früheren Kulturen - so in Mesopotamien, dem frühen Japan, Südafrika - Gewalt geäußert? Die überwiegend historische Perspektive wird ergänzt durch theoretische Beiträge. So unterzieht Martin Dinges die Zivilisationstheorie von Norbert Elias einer kritischen Betrachtung und Lutz Ellrich erläutert am Beispiel der indonesischen Massaker von 1965/66 die Kulturtheorie von Clifford Geertz, derzufolge "es keinen kategorialen Unterschied zwischen militärisch konzentrierten und zivilien Gewaltpotentialen" gibt: Das eigentliche Subjekt der Gewalt ist "stets die ganze Gesellschaft".

"Kann man aus der Geschichte lernen?" fragt Paul Zanker am Ende seines Textes. "Der Historiker kann vorderhand nicht viel mehr tun als Phänomene und Zusammenhänge in einer bestimmten Gesellschaft aufzeigen und damit Material für Vergleiche bereitstellen. (...) Aber bei der Beschäftigung mit dem Thema Gewalt und Gewaltentladung kann man auch ohne tiefgreifende Analysen sehen, wie unwahrscheinlich es ist, daß sich Gewaltpotentiale durch Erziehung und Bestrafung eliminieren lassen."

Ein lesenswerter Band, wenngleich die wissenschaftliche Ausrichtung vieler Texte dem Laien die Lektüre zuweilen erschweren dürfte.Rolf Peter Sieferle und Helga Breuninger (Hrsg.): Kulturen der Gewalt. Ritualisierung und Symbolisierung von Gewalt in der Geschichte. Frankfurt/Main; New York: Campus Verlag, 1999. 295 Seiten, zahlreiche Abbildungen. 48 Mark.

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