Kultur : Was wusste Thyssen?

Ein SS-Massaker von 1945 wirft Fragen auf

Kai Müller

Es klingt beinahe zu gespenstisch, um wahr zu sein. Nach einem Artikel in der „FAZ“ vom Donnerstag soll ein Zweig der Thyssen-Familie in ein Massaker an ungarischen Juden verwickelt sein, das sich in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 im österreichischen Rechnitz ereignet hat. Diesen Vorwurf erhebt der britische Historiker David R.L. Litchfield, Autor einer umstrittenen Heini Thyssen-Bornemisza-Biografie, die unter dem Titel „The Thyssen Art Macabre“ erschienen ist. Litchfield zufolge hätten die Thyssen-Bornemiszas, die seit 1926 unabhängig vom Duisburger Stahlkonzern weitverzweigte Geschäftsbeteiligungen aufbauten und sich als Kunstsammler hervortaten, systematisch alle Spuren zu dem Verbrechen verwischt. Zeugen des Massenmordes seien eingeschüchtert und Beweise vernichtet worden.

Unter dem Titel „Gastgeberin der Hölle“ stellt der Autor die Sache so dar: Die Schwester Heini Thyssens, die mit einem ungarischen Aristokraten verheiratete Margit von Batthyány, residierte während des Krieges auf Schloss Rechnitz an der österreichisch-ungarischen Grenze. Das Anwesen sei Anfang der vierziger Jahre von der SS „requiriert“ worden und diente später auch als Gefängnis für jüdische Zwangsarbeiter. Als die Rote Armee nur noch 15 Kilometer vor der Stadt stand, soll Batthyány „ein Fest für SS-Offiziere, Gestapo-Führer und einheimische Kollaborateure gegeben“ haben, „auf dem zur Unterhaltung der Gäste 200 Juden ermordet wurden“. Die Festgesellschaft soll 30 bis 40 Personen umfasst haben, wobei Litchfield nicht erwähnt, ob die Gastgebgerin ebenfalls anwesend war. 15 der Gäste seien auf dem Höhepunkt der Party vom örtlichen NSDAP-Chef Franz Podezin mit Waffen ausgerüstet worden und hätten die abgemagerten Häftlinge mit Kopfschüssen und Maschinengewehrsalven liquidiert. Podezin sei nach dem Krieg von Batthyány in der Schweiz versteckt worden. Sie ermöglichte dem früheren Gestapo-Beamten auch die Flucht nach Übersee. Sein Verbleib ist unbekannt.

Räuberpistole oder journalistischer Coup? Die „FAZ“ hat sich weit aus dem Fenster gelehnt mit dieser Geschichte, in der es von vagen „konspirativen Vorfällen“ nur so wimmelt. An der Tatsache des Massakers selbst gibt es keinen Zweifel. Ein Verfahren vor dem österreichischen Landgericht verhängte 1946 gegen einige Beteiligte geringe Haftstrafen. Ob die Batthyánys dabei als Mittäter betrachtet oder als Zeugen vorgeladen wurden, erwähnt der Litchfield-Report nicht. Überhaupt gelingt es dem Autor bei seiner Enthüllung nicht, der Familie Thyssen-Bornemisza eine direkte Mitschuld nachzuweisen.

Er suggeriert vielmehr, dass eine Frau, über deren schillernde Persönlichkeit man fast nichts weiß, sich aus gutem Grund verschlossen gab. Auch wirkt verdächtig, dass eine der mächtigsten Industriellen-Dynastien sich bis heute gegen eine lückenlose Aufarbeitung ihrer Geschichte sträubt. Ob Margit von Batthyány und ihr Bruder Heini mit dem Massaker von Rechnitz unmittelbar zu tun haben ist nicht erwiesen. Kai Müller

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