Kultur : "Was zählt am Ende?" - Kunstwerk am Bundesfinanzministerium

Doris Meierhenrich

So viel Staatsnähe war nie. Noch 1988 fragte Jochen Gerz in einem Schriftzug, den er mehrfach über eine Fotowand aus verwackelten Negativabzügen schrieb, "quod a me expectatur?" - Was wird von mir erwartet? Inzwischen gibt er sich etwas spöttisch die Antwort selbst: "Gerz ist der Kunstexperte für die unbequemen, heiklen Epochen der Geschichte", davon zumindest, das fügt der soeben 60 Jahre alt gewordene, in Paris lebende Künstler hinzu, sind seine Auftraggeber überzeugt. Dies gilt auch für den Kunstbeirat der Bundesregierung, der nicht zu verwechseln ist mit dem entsprechenden Gremium des Bundestags. Die Entscheidung, Jochen Gerz mit einem Kunstwerk für das Bundesfinanzministerium in Berlin zu betrauen, ist jedenfalls weit weniger umstritten als das Reichstagsprojekt Haacke.

Eine heikle Aufgabe aber auch dies, denn Hans Eichel zog vor einigen Monaten in das ehemalige Reichsluftfahrtministerium in der Wilhelmstraße 97. Hausherr war hier einst Reichsmarschall Göring, der den Luftkrieg begann und dessen Riesenbau in betongestanzter NS-Architektur die Bombardierung Berlins - makabre Pointe - trotzdem fast unbeschadet überstand. Darum kann hier auch nicht wie beim künftigen Kanzleramt einfach ein luftig geformter Handschlag das Portal zieren, sondern muss etwas Geschichtsbewusstes den einstigen "Ehrenhof" am Eingang markieren. Etwas, das der vielfachen Umwidmung des Gebäudes im Laufe der Jahre Rechnung trägt. Also erhoffte man sich von der Gerz-Kunst am Bau, dass sie die wechselnden Bestimmungen seit 1935 aufscheinen lassen möge: das Amt Görings, den Gründungsort der DDR, das Haus der neuen Ministerien der DDR, den Sitz der Treuhand nach der Vereinigung und heute Hans Eichels Wirkungsstätte.

In Anbetracht seiner vielgerühmten Mahnmale gegen Faschismus und Rassismus in Harburg und Saarbrücken schien Jochen Gerz für diese Aufgabe ein zuverlässiger Garant. Für einen Skeptiker wie Gerz freilich ein zweifelhaftes Vergnügen, auf einmal als repräsentativ zu gelten. Etwas irritiert hat ihn dieser Regierungsauftrag daher schon. Doch ist Gerz das öffentliche Interesse an der Kunst, die sich solchen Aufgaben stellt, allemal wichtiger als mögliche Missverständnisse.

Allerdings schaden den Arbeiten von Jochen Gerz auch Missverständnisse kaum, im Gegenteil: Sie liegen fast schon in ihrem Kalkül. Anders als der Erdkübel Hans Haackes nämlich, der schon vor seiner Realisierung unter bedeutungsschweren Interpretationen begraben liegt, ist die über die Fassade flottierende Laserschrift von Jochen Gerz, die nach Freiheit, Geld und Liebe fragt, viel zu grobmaschig, um Bedeutungen an sich hängen zu lassen. Denn Gerz - das ist der Kern seiner Kunst - formt keine Objekte, nagelt nicht aus kleinen Bedeutungen etwas von großer Bedeutung zusammen. Er agiert mit Informationen und Erwartungshaltungen, kehrt diese gegen sich selbst und verwandelt sie damit in Rätsel. Wo Zusammenhänge in seinen verruckelten Bildern und Texten aufscheinen, verschwinden sie sogleich wieder. Und im Moment ihres Verschwindens werden sie sichtbar - wie die Erinnerung im Mahnmal.

Mit diesem Versteckspiel arbeitet der Künstler auch bei seiner Installation am nach dem ermordeten Treuhandchef Detlev Rohwedder benannten Finanzministerium. Nichts Objektives oder dauerhaft Gültiges hat er dort modelliert, sondern Geschichte aufgeteilt in die subjektiven Einschätzungen von mehr als 50 Mitarbeitern des Hauses. Erzählt werden sie in drei Minuten langen Videoausschnitten, in denen der Minister, Beamte, Sekretärinnen oder der Portier auf die Frage der Laserschrift antworten: "Das Geld, die Liebe, der Tod, die Freiheit - was zählt am Ende?" Auf Knopfdruck von Passanten geben zwei Monitore, die in die Umzäunung zwischen Bürgersteig und Hof des Ministeriums in Säulen eingelassen sind, diese Geschichten frei.

"Liebe", erklärt ein Mann, "das heißt für mich, Menschen haben, die mir helfen, die mit mir stehen, auch wenn ich kein Geld habe." Eine Frau bekennt: "Jeder Mensch hat Ansprüche, auch ich, aber die haben sich geändert, seit es die DDR nicht mehr gibt." Und: "Heute ist die Sorge um die Liebe und das Geld eigentlich jeden Tag da. Die Liebe ist für mich ein täglicher Kampf." Dann spricht wieder ein Mann: "Mein Großvater in Karlsruhe war Anarchist" und "Preußen, das ist Pflichterfüllung als persönliches Diktum" und "Deutschland ist sinnlich, Deutschland als Europa ist abstrakt". Und wieder ein anderer sagt: "Natürlich bin ich lieber in New York als in Nairobi - aus Idealismus tut keiner was."

Das sind Bekenntnisse, die das technische Flair und die geschichtliche Weitsicht der Wohngemeinschaft von "Big Brother" haben und ebenso gut gemeint, aber belanglos sind. Freilich spielt Gerz auch mit dieser Banalität vor der Fassade der Macht, doch bleibt die "Konzentration der Stimmen", in der er die Geschichte des Hauses anklingen lassen will, am Ende eine Sammlung von Couchgeständnissen aus guten und schlechten Zeiten: Passanten holen sie sich häppchenweise aus den Monitoren, wie Kunden Geld aus den Automaten ziehen. Derweil wandert die fernprojizierte Laserschrift "... was zählt am Ende?" weiter über die kalte Fassade des monströsen Baus, sichtbar nur, wenn die helle Sonne sich verzogen hat. Nach drei Minuten bleibt sie am Boden stehen und verlischt, bis der nächste Kunde den Knopf drückt. Vielleicht darf dann der Minister seine Geschichte erzählen: "Misstrauen gegenüber dem Staat ist Misstrauen gegenüber der eigenen Fähigkeit, den Staat zu ordnen. Es ist ein Misstrauen gegen sich selbst. Andere, mit anderen historischen Erfahrungen, sind da besser dran!"

Ob der Passant, wie Gerz es sich wünscht, gegenüber dem, der da spricht, seine eigene Ähnlichkeit erkennt? Ob er seine Nähe zum Minister spürt? Von heute an wird es sich zeigen.

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