Kultur : Waschen, Schneiden, Dröhnen

Christine Lemke-Matwey

Das alte Männlein in der Reihe vor uns freut sich. Es freut sich so sehr, "Hi, hi!",dass aus seinen abertausend Runzeln abertausend Funken sprühen, es freut sich so mächtig, "Ho, ho!" dass sich aus seinem Seitenscheitelchen bisweilen eine silbergraue Strähne löst. Und wir freuen uns, dass er sich freut. Wir freuen uns, dass die aberwitzigen Turbulenzen von Rossinis "Barbier", seine "überschäumende Animalität" (Nietzsche) und durchaus vertrackte musikalische Sinnlichkeit an der Behrenstraße für so viel Heiterkeit sorgen. Selten, so der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit auf der Premierenfeier, habe er die Menschen in der Oper so lachen sehen. Und überhaupt, die Kultur, blabla, sei doch das einzige Pfund, mit dem Berlin, blabla, ...

Man trägt wieder Bienenkorb

Spätestens damit wäre eigentlich alles gut. Und ist es ja auch. Ein netter, weil, wie gesagt, rechtschaffen spaßiger Abend über das Geld so ganz im Allgemeinen und die Liebe noch ein bisschen mehr im Allgemeinen und darüber, welch schamlose Mesalliancen beide gewiss nicht erst seit 1816 (dem Jahr der missglückten römischen Uraufführung des "Barbier") miteinander eingehen: Klavier spielender Adliger befreit nöliges Mündel aus den Fängen eines geizig-geilen Alten - und der Rest, na, Sie wissen schon, sind die haarspalterischen Verwicklungen und Verstrickungen eines stadtbekannten Frisörs, ist, kurz und gut, italienische Opera buffa. Bühnenbildner Giles Cadle und Kostümbildnerin Laura Hopkins übrigens tarnen das Ganze, ach ja, als Medienkiste der frühen 60er Jahre, die Damen tragen Bienenkörbe und Schmetterlingsbrillen, die Herren Trenchcoat, vom Stückvorhang grüßt eine überlebensgroße Fernsehansagerin, und das lieto fine, "welche Wonne, welch Entzücken!", wird in laufende Kameras posaunt. Dies alles nervt naturgemäß mehr, als dass es - bei aller Professionalität der Ausführung - etwas erzählen würde. Aber richtig stören tut es auch nicht. Rossini à la Rossini?

Stefan Solyom jedenfalls - 22 Jahre jung und aus Schweden - ließ zumindest in der Ouvertüre kaum Zweifel daran, worauf es ihm, dem Chor und dem Orchester der Komischen Oper ankam: auf ein sehr eigenes Hineinhorchen in diese Musik, auf eine Trockenheit im Ton, die die Ohren im klangrednerischen Sinne weit machte (als säßen gleich mehrerlei Sorten Zinken und Zimbeln im Graben!) und den Automatenmusiker Rossini, den Magier der rhythmischen Zentrifuge, in den Schatten rückte. Solyom interessierte sich weniger für das Spielwerkhafte, erbarmungslos Mechanistische der Partitur, als dass er permanent nach so etwas wie Ernst schürfte und nach Sinn.

Eine Lesart, die, zumal es ihr andererseits an Zugkraft und Witz, an Laune und Italianità mangelte, frühzeitig Opfer bringen musste: Die zähen, arg unerotischen Tempi (ein Tribut nicht zuletzt an das konsonantenreiche, Wörter wie Baumstämme im Munde stapelnde Singen auf deutsch?), die sehr ungefähren, blassen Steigerungen in den Finali - dies alles lechzte nach ein paar Tröpflein Musikantenblut, nach ein bisschen mehr Sorglosigkeit oder Chuzpe. Die Sänger des Abends aber glänzten durch Geschlossenheit - und eine exquisite Textverständlichkeit: Mario Zeffiri als überragend spielfreudiger, stimmlich auf den Punkt besetzter Almaviva-Tenorino (trotz einiger bedrohlich enger Höhen), Claudia Mahnke als reife, mezzomundige Rosina, Alexander Marco-Buhrmester als schneidiger Figaro, Stefan Stoll und Neven Belamaric als schmerbäuchig dröhnendes Politmafia-Paar Bartolo/Basilio, Hermann Wallén als eilfertiger Fiorello und Mojca Erdmann als glockenhell durchtriebene Berta.

Tolle und Schmiere

50 Jahre lang (!) hatte die Komische Oper Berlin keinen "Barbier" in ihrem Repertoire. Bemerkenswert, dass diese Lücke, schmerzlich oder nicht, nun von einem britischen Team geschlossen wurde (zumal Regisseur Daniel Slater von Andreas Homoki, dem künftigen Chefregisseur des Hauses, bereits für Zellers "Vogelhändler" weiter verpflichtet wurde). Nicht dass wir uns nun an den Auswüchsen britischen Humors stoßen würden und also daran, dass dieser gemeinhin gänzlich anders funktioniert als der italienische oder gar der deutsche. Viel gravierender ist, dass Slater den Kunstcharakter des Werks mit keinem Blick würdigt, dass er alle ästhetischen Implikationen - die Marionettenhaftigkeit der Figuren, das Katastrophische im Nichtigen der Situation - an ein paar mäßig brillant arrangierte Slapsticks und eine behauptete politische Dimension (Bartolo im Wahlkampf, die Staatsgewalt mit Stahlhelmen und MPs) verkauft. Gewiss, Slater hat ein Auge fürs Absurde, fürs Große im Kleinen. Rosinas rosa gepunkteter Schlafanzug jedoch und die von Mario Zeffiri mit Elvis-Tolle absolut hinreißend ausgekostete Gesangslehrerszene im zweiten Akt allein reichen nicht aus, um die Frage zu beantworten, warum wir uns heute dieses Stück anschauen. Und warum, "Hi, hi!", "Ho, ho!", und worüber wir eigentlich lachen. Wenn es denn etwas zu lachen gibt.

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