Kultur : Waschen, schneiden, feiern

Heiligabend müssen Männer anständig aussehen. Deshalb schicken die Frauen sie vor dem Fest noch einmal zum Friseur. Eine Weihnachtsgeschichte

Jan Brandt

Ulrich Dettmers war der einzige Friseur im Dorf. Er war groß und schlank und bei den Frauen sehr beliebt. Dettmers hatte eine Halbglatze, die er mit einem Trick kaschierte. Auf der einen Seite ließ er sein Haar lang wachsen und kämmte es über den bloßen Schädel. An den Wänden seines kleinen Salons, zwischen den Spiegeln und den Postern, hingen Zertifikate und Auszeichnungen, aber alles, was er konnte, war diese eine Frisur.

Nach meinem letzten Besuch bei ihm hat meine Freundin Schluss gemacht. Ich konnte das gut verstehen, denn ich sah wirklich schlimm aus. Und es war keine gute Idee, sie gleich danach zu besuchen. Aber mir blieb keine Wahl, ich konnte an jenem Tag nicht nach Hause fahren, mir noch einmal die Haare waschen und die Seiten nachschneiden, wie ich es sonst tat. Ich musste gleich zu ihr, um ihr zu sagen, was geschehen war.

An jenem Tag, es war der 23. Dezember, waren nämlich mein Vater, mein Bruder und mein Onkel schon bei Ulrich Dettmers gewesen. Sie hatten vor mir auf demselben Stuhl gesessen, und Dettmers hatte ihnen wie mir ein Tuch umgelegt, den Hals mit Krepppapier umwickelt und seine Scheren herausgeholt. Es war nicht meine Idee, dieser Familientermin. Meine Mutter bestand darauf, dass die Männer Heiligabend anständig aussahen.

Als er anfing, mir mit einem nassen Kamm den Seitenscheitel nachzuziehen, sagte Dettmers: „Das Leben ist schon seltsam, manchmal kommt alles zusammen.“

Ich schaute in den Spiegel und sah hinter mir eine Weihnachtsmannlampe aus Plastik, einen Weihnachtsbaum, von dessen Zweigen Lametta hing, und eine Weihnachtspyramide, die sich nicht mehr drehte, weil die Kerzen heruntergebrannt waren. Ich sah einen Haufen vierzehn-, fünfzehnjähriger Jungen, mit denen ich am Wochenende Fußball spielte. Ich sah ein paar alte Männer, die darauf warteten, meinen Platz einzunehmen. Ich sah Ulrich Dettmers, wie er mit seinen Scheren hantierte. Ich sah mich, blass vor Angst. Irgendwann traute ich mich nicht einmal mehr, in den Spiegel zu schauen.

Die Anweisungen, die ich ihm gab, hatten nur den Zweck, überhaupt etwas zu sagen. Wenn man nicht ständig redete, stellte Dettmers nämlich Fragen, persönliche Fragen. Er hatte eine unerschöpfliche Neugier, was zwischenmenschliche Beziehungen anbetrifft. Ich wusste von ihm Dinge über meine Eltern, die sie mir selbst nie erzählen würden. Und das Schlimmste war, dass er alles, was man ihm erzählte, weitersagte. Wenn es wenigstens in der Familie geblieben wäre.

Ich versuchte, mich auf die Shampooflaschen im Regal zu konzentrieren. Dettmers arbeitete sehr langsam und gründlich, und irgendwann verebbte unser Gespräch. Es entstand ein langes, unangenehmes Schweigen. Ich wischte gerade ein paar Haarbüschel von meinen Oberschenkeln, als er sagte: „So, und du hast also was mit der Gesine Buttjer.“

Ich zuckte zusammen, dabei schnitt er mir ein großes Loch in den Pony.

Er fluchte und sagte: „Sitz doch still, Junge. Was zappelst du immer.“

Ich fragte mich, wer es ihm gesagt haben könnte, und ob er es meinem Vater, meinem Bruder und dem Onkel schon erzählt hatte.

Natürlich hatte er.

„Die waren vielleicht erstaunt“, sagte er, „mit der, ausgerechnet mit der.“

Ich weiß nicht, was ich für Gesine Buttjer empfand, sie war einfach ein Mädchen, wir gingen zusammen zur Schule, wir hatten den gleichen Nachhauseweg, wir wohnten in der gleichen Straße und an Nikolaus haben wir Händchen gehalten. Das war alles. Und trotzdem war es das Größte, was ich bis dahin erlebt hatte. Der Wahnsinn! Gesine Buttjer!

Sie war pummelig, trug eine schwarze Hornbrille mit mindestens fünf Dioptrien und hatte schon mit jedem Jungen in der Klasse rumgeknutscht. Das behaupteten die anderen jedenfalls. Nur mich ließ sie nicht ran. Ich sei was Besonderes, sagte sie. Und das deprimierte mich. Man sagte nämlich auch, sie sei ein „Flirtje van Wicht“ und eine „Herumdrieverske“. Und von meinem Bruder hatte ich gehört, dass sie deshalb so genannt wurde, weil sie, wie er es kaum eine Woche zuvor in einem dieser Gespräche von Mann zu Mann ausgedrückt hatte, „ihre Beine nicht zusammenhalten kann“.

Gerüchte gab es viele. Wenn man alles, was gesagt wurde, ernst nahm, dann war jeder im Dorf entweder alkoholabhängig oder vorbestraft. Ich warf einen kurzen Blick in den Spiegel. Dettmers hatte die Haare mit Klemmen hochgesteckt. Nach etwa einer Stunde war er endlich fertig. An der rechten Seite waren meine Haare über dem Ohr abgeschnitten, auf der linken hingen sie mir bis zum Kinn.

Ich musste ans Weihnachtsessen denken und daran, wie wir alle mit unseren Uli-Dettmers-Frisuren am Küchentisch sitzen würden. Mein Vater, mein Bruder, mein Onkel und ich. Meine Mutter würde jedem Tee einschenken, mein Onkel würde ein kurzes Gebet sprechen, und danach würde mein Bruder über den Tisch langen, um ein Würstchen aus der Schüssel zu fischen, das er nur aß, um es mir wegzunehmen. Ich würde dasitzen, unfähig, etwas zu essen oder zu sagen. Sie würden mich anschauen und irgendwann fragen: „Sitzt du bei Buttjers auch so am Tisch?“

Das konnte ich mir unmöglich antun.

„Fertig“, sagte Dettmers, machte das Krepppapier und den Umhang ab, wischte mit einem Pinsel über meinen Nacken und strich mit einer schwungvollen Bewegung die Mähne von der linken Seite über meinen Kopf. Er nahm einen Handspiegel, damit ich mir alles ansehen konnte. Dann klatschte er in die Hände und sagte: „Der Nächste, bitte!“

Bezahlen musste ich bei einer Angestellten, die kleine silberfarbene Sternchen auf ihre solariumgebräunte Haut geklebt hatte und nach Haarspray roch. Ich sorgte dafür, das Geld immer passend zu haben, um so schnell wie möglich verschwinden zu können.

Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Morgen würden es alle wissen, das ganze Dorf würde vor dem Gottesdienst in der Kirche über mich und Gesine Buttjer sprechen. Ich beschloss, mit ihr zu reden. Vielleicht, dachte ich, hat sie eine Lösung. Sie wohnte nicht weit von mir, in einem kleinen, etwas heruntergekommenen Backsteinhaus neben der Apotheke, in der ihre Mutter arbeitete. Ich stellte mein Fahrrad an die Hauswand und klingelte. Es war das erste Mal, dass ich sie besuchte. Bisher hatten wir uns immer heimlich verabredet, hinter der Schule, am See, in einer Hütte im Wald.

Als ihr Vater die Tür öffnete, sagte er: „Wohl unter den Rasenmäher gekommen, was?“

Auch er hatte eine Uli-Dettmers-Frisur, allerdings war seine schon etwas ausgewachsen, das Haar hing ihm an der rechten Seite herunter, und er musste sich die vorderen Strähnen hinters Ohr klemmen, damit sie ihm nicht ins Gesicht fielen.

Herr Buttjer ließ mich hinein und rief nach seiner Tochter. „Sie hat Besuch“, flüsterte er und ging in die Küche. Man hörte ein Rumpeln von oben, dann kam sie die Treppe herunter. Ihre fleischigen Wangen waren ganz rot, und ich fand, dass sie weicher und hübscher aussah als üblich.

„Oh“, sagte sie und zupfte an ihrem Kleid herum.

Mir war nicht ganz klar, ob sie mit dem „Oh“ meine Frisur kommentierte oder ihrem Erstaunen Ausdruck verlieh, dass ich so unvermittelt bei ihr aufgetaucht war.

„Was machst du hier“, fragte sie und schaute nach oben, als ob sie dort etwas vergessen hätte.

Wenn sie den Kopf zur Seite drehte, konnte man nur ihre dicken Brillengläser, nicht aber die Augen erkennen; wandte sie sich dann wieder um, erschienen ihre Augen größer als zuvor. Ich strich mir die Haare zurück und machte einen Schritt nach vorn.

„Alle wissen es“, sagte ich.

„Wer weiß was“, sagte sie.

„Ich war gerade bei Dettmers.“

„Das sehe ich.“

„Ich habe ihm nichts gesagt. Ich weiß auch nicht, woher er es hat, aber er weiß, dass wir zusammen sind.“

Sie lachte, es war ein schrilles, hysterisches Lachen. Ich hatte sie noch nie so lachen hören. Wahrscheinlich kam es ihr selbst komisch vor, denn sie hielt sich die Hände vor den Mund und hüpfte von einem Bein aufs andere. Dann nahm sie die Hände weg.

„Wir. Zusammen“, sagte sie, „wir sind doch nicht zusammen.“

Ich war völlig fertig.

„Hast du das gedacht“, sagte sie.

Ich konnte nichts sagen. Ich sah sie nur an, und wollte sie nicht mehr sehen. Ich drehte mich um und öffnete die Tür. Draußen war es dunkel. Es hatte angefangen zu schneien. Meine Eltern warteten schon mit dem Abendessen auf mich. Ich setzte mich auf mein Fahrrad und fuhr die Straße entlang. Das Auto stand in der Einfahrt. Mein Vater saß am Fenster. Ich fuhr über die Bahngleise. Gleich würde ich da sein. Meine Koffer packen. Und nach Berlin ziehen.

Der Autor, geboren 1974 in Leer (Ostfriesland), lebt als Journalist und Schriftsteller in Berlin. Zuletzt hat er die Anthologie „Doppelpass – Geschichten aus dem geteilten Fußballdeutschland“ herausgegeben (erschienen bei Kookbooks).

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