Kultur : Waschen, töten, lieben

Boris Blachers Echt-Zeitoper „Die Flut“ im Berliner Stadtbad Oderberger Straße

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Von Simone Fässler

Wenn die Flut steigt, verlieren die Konventionen ihre Geltung. Solange an Rettung geglaubt wird, kann das zu Solidarität führen. Geben sich die Menschen verloren, regiert nur noch die Emotion ihr Tun – Liebe, Hass, Gier. Den ersten Fall haben wir eben in Wirklichkeit erlebt. Der zweite ist Stoff fürs Kino – Titanic! – und für die Oper, die wie keine andere Kunstform ins Innere des Menschen schauen kann. In Boris Blachers Echt-Zeitoper „Die Flut" von 1947 gehen vier Menschen bei Ebbe auf ein altes Wrack hinaus und versäumen, rechtzeitig den Rückweg anzutreten. Während die Flut steigt, verliebt sich die saturiert gelangweilte Städterin in den armen Fischer, der Dandy legt den Bankier um und geht, nachdem die Flut wider Erwarten zurückgegangen ist, mit dessen Geld und der Frau an Land.

Doch das kommt erst später, zuerst gibt es im Stadtbad Oderbergerstraße einen „Prolog auf dem Trockenen". Früher suchte man in der „öffentlicheN Reinigungsanstalt" nicht primär körperliche Ertüchtigung, sondern eine Möglichkeit, sich zu waschen. Dafür gab es in langen Gängen aufgereihte Zellen mit Wannenbädern. In der „räumlichen Komposition" von Chatschatur Kanajan, der auch die musikalische Leitung des Abends innehat, sitzen in diesen Zellen Musiker. Der Wechsel der projizierten Dias (Kai von Köcher) - vom Badestrand bis zum verregneten Zugfenster - gibt die Struktur vor. Kurz angerissene, zitternde Einzeltöne irren durch den Raum. Tropfgeräusche kehren in einer neuen Existenzform ins Bad zurück. Das Premierenpublikum ist in diesem Moment allerdings noch mit Promi-Spotting beschäftigt, beruhigt sich erst in der Schwimmhalle. Der erhabene Raum, der die Architektur einer Renaissancekirche zitiert, ist von bläulichem Licht erfüllt, das die abblätternde Farbe in ein morbides Relief verwandelt. Man setzt sich um das leere Becken. An dessen tiefster Stelle ist das Orchester, das „Ensemble Mosaik", platziert, davor liegt wie ein gestrandeter Wal der umgekippte Bug des Wracks.

So schwierig die akustischen Verhältnisse in dem Raum sind (Texteinblendungen helfen immerhin, die Handlung zu verstehen), so aufregend sind die Möglichkeiten für Regie (Heidi Mottl) und Choreografie (Andrea Heil). DeR Chor erscheint auf der Empore, in den seitlichen Wandelgängen, dann mitten im Bühnengeschehen und singt (die Oper war ursprünglich fürs Radio konzipiert) Regieanweisungen: „Der junge Mann stürzt mit allen Zeichen der Erregung zu den andern." Zum Glück unterwandert die Regie diese Vorschriften subtil. Die vier Sänger drängen sich auf dem engen Territorium des Schiffsbugs. Lilia Milek wandelt sich in den Armen des unbedarft staunenden Fischers (Tobias Müller-Kopp) von der imprägnierten Schönheit im Regenmantel zur hefig Liebenden. Der schmierige Dandy (Marcel Benedikt Sindermann) gibt den Blick frei in seine inneren Abgründe, als er den Bankier (Genadijus Bergorulko) kaltstellt.

Das Ensemble erweckt Blachers lange nicht gespielte – beschwingt atonale, publikumsfreundliche – Oper zu kraftvollem Leben. Doch die größte Leistung ist die Fähigkeit aller Beteiligten, auf die Primadonna des Abends einzugehen: das Oderberger Bad.

Wieder heute, 25., 29., 31.8., 1. sowie 5.-8.9.. Karten unter Tel. 030 / 449 45 98

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