Kultur : Wasser lassen im Paradies

Ulrike Kahle

Wieder fallen Künstler des Balkans naiv und gefühlvoll, bildmächtig und melodietrunken über die Sinne der nüchternen Hamburger Zuschauer her. Es ist die Fortsetzung von "Inferno. The Book of Soul" am Thalia Theater. Dantes "Göttliche Kömödie" heftig ans rasende Künstlerherz eines slowenischen Regisseurs gedrückt: Tomaz Pandur, ehemaliger Leiter des Theaters im slowenischen Maribor, künftiger Filmemacher in New York. Mit ihm wirken seine Schwester und Dramaturgin Livia Pandur (Slowenien), die Kostümbildner Leo Kulas (Kroatien) und Svetlana Visintin (Slowenien), die Bühnenbildnerin Marina Hellmann (Serbien), der Komponist Goran Bregovic (Bosnien). Nicht nur Multi-Balkan, auch Multikulti: Gesungen, gebetet, zitiert wird in vielen Zungen.

Umgeben von hohen, silbernen Wellblechwänden ein mächtiger Dom des Menschlichen: wieder 32 000 Liter - angewärmtes - Wasser auf der Thalia-Bühne, in dem die Schauspieler waten, sich wälzen, schreiten und paddeln können. Die grandiose Bildidee für Dantes "Inferno", die Hölle, überwältigt ebenso für das läuternde Fegefeuer und das Paradies. Dante, der italienische Dichter des Mittelalters, wird von seinem Idol, dem Römer Vergil, durchs Fegefeuer geleitet. Dort erscheint Vergil Dantes Angebetete Beatrice, die ihm im Paradies endlich begegnen soll.

Pandurs Fegefeuer beginnt so kitschig wie sein Inferno. Elegische Männergruppierungen, Engel steigen auf, sakraler Gesang erklingt. Die weißberockten, glatzköpfigen Seelen im Fegefeuer, natürlich mit nacktem Oberkörper, sind malerisch posiert auf hoher, stählerner Brücke, sie singen von Melancholie und schweben und schmachten und lassen schließlich nach etwas umständlicher Hantierung himmlische Pisse regnen, vielstrahlig in den dunklen Bühnensee. So sind sie, die Inszenierungen des Herrn Pandur: drastisch, naiv, immer wieder beeindruckend, ja, überwältigend in ihrer Bildersucht und Bilderflut.

Doch dieses meditative Purgatorium, Dantes stark umgeformter Läuterungsberg, nimmt mehr und mehr gefangen. Durch die wachsende Kraft der Bilder, besonders aber durch die Musik des Komponisten Goran Bregovic, der Filmmusiken für Emir Kusturica und Patrice Chéreau schrieb und diesmal fast ein durchkomponiertes Musical aus der Pandur-Vorlage machte - mit den fantastischen Thalia-Musikern Fritz Feger, Philipp Haagen und Michael Verhovec. Die drei sind Teil des Ensembles - und die eigentlichen Stars des Abends.

Mit dem Glasharfenspiel des Trios sind wir bereits im zweiten Teil der Vorstellung - und dem dritten Teil von "La Divina Commedia", dem Paradies. Weil Pandur sich diesmal sehr sehr weit von Dante entfernt hat und sein Purgatorium der Selbstfindung und Läuterung des Künstlers und des Theaters dient, ist das Paradies hier die Überraschung des Abends: tatsächlich paradiesisch in Idee und Ausführung. Ein surreales Theaterstückchen voll unheimlicher Schönheit und bizarrer Poesie. Magritte, Ionesco und Lewis Carroll sind die gütig lächelnden Paten dieser rundum gelungenen fünfzig Minuten. Ein Höhepunkt.

Fritzi Haberlandt als Beatrice, aufrecht, schön und eigensinnig, wie es ihre Art ist, zerquetscht Weintrauben über Weingläsern und trinkt den spärlichen Wein. Während Thomas Schmauser als Dante, dessen körperliche Schauspielkunst so viel mehr überzeugt als seine meist nur rau herausgeschrieene Sprache, hin und her schwankt wie ein Rohr im Wind, hin und her, und nicht an sie herankommt, seine vergötterte, idealisierte Beatrice, bis sie verschwindet.

"Meine Nahrung ist die Stille, meine Heimat ist das Schweigen." Beatrice will nicht Dantes Vision sein? Die Interpretationen sind frei bei dieser Überfülle an Bild- und Bedeutungsangeboten. Es regnet Blut, regnet und regnet, überflutet die Gläser, und Dante kommt nackt von oben. Eine Wiedergeburt angesichts des realen Schreckens? "Ich sehe", spricht Dante. Ein ziemlich geniales Finale. Als wäre nicht nur Dante, sondern auch Tomaz Pandur künstlerisch geläutert: Nach einigen bombastischen Ausrutschern in den ersten beiden Teilen, nach ausgiebigem Bade im See aus Pathos und Kitsch ist er glasharfenklar bei sich selbst angekommen.

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