Kultur : Wasserleiche

Ein Wagner-Remix an der Neuköllner Oper

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Die Neuköllner Oper rüstet sich zum Doppeljubiläum 2013, wenn sowohl Richard Wagner als auch Giuseppe Verdi ihren 200. Geburtstag feiern. In Zusammenarbeit mit griechischen Künstlern wollen die Musiktheatermacher von der Karl- Marx-Straße „Aida“ „mit Blick auf die weltweiten wirtschaftlichen und sozialen Turbulenzen“ neu lesen. Zudem will der Autor Nuran David Calis für sie die „Götterdämmerung“ überschreiben. Zum Start der Themenreihe aber gibt es als Uraufführung „Rheingold Feuerland“, einen „Wagner Wiedergänger“, konzipiert von Bernhard Glocksin, dem Programmmacher der Neuköllner Oper, sowie dem Komponisten Simon Stockhausen.

Weil Glocksin weg will von der „Brauchtumspflege“ bei der Wagner-Interpretation, bricht er die Götter-Riesen- Zwerge-Geschichte radikal auf, sucht nach Möglichkeiten, das „Rheingold“ mit Menschen von heute als „Welterzählung“ zu präsentieren. Also packt er alle Themen an, mit denen man sich normalerweise nur widerwillig beschäftigt: Beispielsweise die Allgegenwart der Mafia, sowohl in Form von illegalen, brennenden Müllkippen rund um Neapel (das „Feuerland“ des Titels), als auch in Form von globalisierten Warenströmen, bei denen selbst der gutwillige Konsument nicht erkennen kann, ob an der hippen Handtasche nicht Schweiß, Blut und Tränen von modernen Zwangsarbeitern kleben. Ein Börsentycoon tritt auf, in dem man Wotan sehen kann, ein halbstarker Romajunge verrät die Liebe für die Macht des Geldes, wie Alberich in Wagners Mythenreich.

Als spitzes Dreieck ragt Markus Meyers Bühne bedrohlich in den Saal der Neuköllner Oper, scheint geflutet von schwarzer Kohle (die natürlich raffiniert ausgeleuchtete Schaumstofffetzen sind). Regisseurin Lilli-Hannah Hoepner bewegt die fünf Darsteller handwerklich souverän, wenn auch mit einem leichten Hang zu gestischer Jugendtheater-Überdeutlichkeit. Mit rollenden Augen also sprechen Božidar Kocevski, Janko Danailow, Thorsten Loeb, Andrea Sanchez del Solar, Dennenesch Zoudé Sätze wie „Vergiss das Geld – es tötet“oder „Man kann keine Wunden heilen, deren Ursachen kranke Ideen sind“.

Das Problem bei der ganzen gesellschaftskritisch engagierten Chose ist nur: Hier strebt nichts, aber auch gar nichts einer Umsetzung als Oper. Am wenigsten die Partitur von Stockhausen. Wer sich an Wagner misst – und ihn ausgiebig zitiert – sollte schon mehr bieten können als Solistenpartien zwischen Sprechgesang und pseudodramatischem Musical- Überdruck, einfältigen Rhythmen, spirreligen Blechbläsern und wabernde Elektronik. Diese „Rheingold“ ist leider eine Wasserleiche. Frederik Hanssen

Neuköllner Oper, bis 25. September.

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