Wassermusikfestival im Berliner HKW : Tanz die Tropen

Nach der Eröffnung des Wassermusik-Festivals im Haus der Kulturen der Welt durch Arto Lindsay sorgen Los Pirañas und Bixiga 70 für einen Wahnsinnsabend.

Volker Lüke
In der Tradition von Fela Kuti: Bixiga 70 stammen aus dem gleichnamigen Stadtteil São Paulos. Hier ist der Samba zu Hause.
In der Tradition von Fela Kuti: Bixiga 70 stammen aus dem gleichnamigen Stadtteil São Paulos. Hier ist der Samba zu Hause.Foto: Promo/HKW


Arepas, Empanadas, Ceviche oder doch erstmal ein kühler Drink aus der Caipirinha-Maschine? Auf dem Wassermarkt auf der schönen Dachterrasse des Hauses der Kulturen der Welt ist das kulinarische Angebot ebenso ausgefallen und reichhaltig wie der Spielplan des seit 2008 stattfindenden Wassermusik-Festivals, das längst zum festen Bestandteil des Berliner Kultursommers geworden ist.

Für die zehnte Jubiläumsausgabe hat Detlef Diederichsen wieder ein mutiges, offenes Programm auf die Beine gestellt, das neben populären Vertretern der sogenannten Weltmusik auch einige Künstler präsentiert, die ohne falsche Rücksichtnahme auf musikalische Empfindlichkeiten konventionelle Spieltechniken über den Haufen werfen. Und wer könnte das besser als Arto Lindsay, der große Pop-Zertrümmerer und Bossa-Nova-Schmeichler, der beim Festival-Auftakt am Freitag seine abgewetzte Anarcho-Schredder-Gitarre in einen karibisch unterwühlten Schüttel-Groove fallen lässt und das Publikum mit brüchiger Flüsterstimme, die einem das Herz auswringt, ins kaputte Brasilien entführt. Ein Retter der Sehnsucht in der Musik, deren merkwürdiges Repertoire noch längst nicht aufgebraucht ist.

Fast noch verrückter sind Los Pirañas aus Bogota, deren Auftritt am nächsten Tag wegen der gewittrigen Wetterlage in die überdachte Ausstellungshalle verlegt wurde. Das tollkühne Trio verströmt von Anfang an ein trippiges Treibhausambiente und katapultiert das Publikum mit einem furiosen Stimmungsfeuerwerk in das vom tropischen Regenwald geprägte Amazonasbecken, wo die Natur erstaunliche Lebensformen hervorbringt, die genauso abgefahren sind wie diese rauschhafte Musik. Sie basiert auf der Cumbia, einem kolumbianischen Tanz, der gepfefferte Laune macht, zudem rüttelt das Trio furchtlos an den Genregrenzen von Psychedelica, Surf, Punk und experimentellen Noise.

Los Pirañas mischen seit 20 Jahren die kolumbianische Musikszene auf

Angetrieben wird die Cumbia vom Kuhglockengebimmel des fantastischen Schlagzeugers Pedro Ojeda, der den Tanz bereits einen Tag zuvor mit Romperayo auf den Dancefloor brachte und nun mit nacktem Oberkörper wie ein Rodeoreiter über Fell und Blech galoppiert, vom Bassisten Mario Galeano fiebrig umblubbert. Der eigentliche Star des Trios ist aber Eblis Álvarez, der die von Carlos Santana versenkte Latin-Rock-Gtarre als erhabene Lärmmaschine rettet und mit einem Wandschrank voller Effektgeräte kosmische Fiepstöne erzeugt. Dabei lassen sich die drei genialen Killerfische, die seit 20 Jahren mit Bands wie den Meridian Brothers, Frente Cumbiero oder Ondatropica die kolumbianische Musikszene aufmischen, durch nichts aus ihrem Konzept bringen.

Eblis Álvarez, Mario Galeano und Pedro Ojeda sind Los Pirañas aus Kolumbien.
Eblis Álvarez, Mario Galeano und Pedro Ojeda sind Los Pirañas aus Kolumbien.Foto: Promo/HKW/Maria Cardona

Vielmehr bringen sie die Cumbia auf die Geschwindigkeit und das Energielevel von Speed-Metal oder Hardcore-Techno und reichern sie an durch weitere Tänze, Vallenato, Lambada und Champeta. Fetzig, fröhlich, spacig, immer ruckzuck, mit quirligen Taktwechseln, die auch ältere Rockzottel wie elektrogeschockte Amazonas-Frösche hopsen lassen.

Bixiga 70 legen die afrikanischen Wurzeln der Musik Brasiliens frei

Danach geht es gleich ohne Energieverlust weiter, als das 9-köpfige Ensemble Bixiga 70 aus Sao Paulo mit ungebremster Spielfreude die afrikanischen Wurzeln in der Musik Brasiliens freilegt. Dabei sind diese fidelen Afrobeat-Verschnitte nichts anderes als Liebeserklärungen an den magischen Partygroove, der alle Anwesenden vor und auf der Bühne den entscheidenden Millimeter über dem Boden schweben lässt. Eine Musik voller Rasanz und sprühender Dynamik, die in der Tradition von Fela Kutis Band Africa 70 mit mächtig trötendem Blechgebläse und rastloser Perkussion die Seelen zum Schwingen bringt.

Uuuh! Oooh! Aaah! Was für ein Abend! Klatschen! Tanzen! Schwitzen! Und jetzt die Getränke.

Haus der Kulturen der Welt, Berlin. Bis 13. 8., Infos: hkw.de/wassermusik

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