Kultur : Wasserpfeifen und Euro-Hippies

DEBATTE

Jens Mühling

Streitbar ging es zu, als bei einer von Tagesspiegel-Redakteur Christoph von Marschall moderierten Diskussion über „Islam, Türkei und Europa“ debattiert wurde. Besonders Ex-Grünen-Chefin Claudia Roth, die in der Berliner Akademie der Künste mit rhetorischem Elan für die Integration des Nato-Partners eintrat, mochte sich nicht mit der „vorsichtigen Skepsis“ anfreunden, mit der Jürgen Kocka, Direktor des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung, seine Position zu einem möglichen EU-Beitritt der Türkei umschrieb. Auch Wulf Schönbohm, Türkei-Beauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung, geriet mehrfach mit dem türkischen Autor und Komponisten Zülfü Livaneli aneinander. Während Schönbohm die Türkei unter Erdogan und seiner konservativen AKP auf dem besten Weg zu einer demokratischen Modernisierung sieht, unterstellt Livaneli der AKP eine „hidden agenda“, einen Geheimplan zur Islamisierung des Landes, dem viele türkische Intellektuelle mit Angst begegneten.

Einigkeit herrschte lediglich in einem Punkt: Die Beitrittsverhandlungen werden noch viel Zeit brauchen. Jürgen Kocka macht dafür hauptsächlich kulturelle und wirtschaftliche Differenzen sowie ein generelles Demokratiedefizit der Türkei verantwortlich. Dem wollten Roth und vor allem Schönbohm überhaupt nicht folgen: Das Problem sei eher in der europäischen „Heuchelei und Doppelbödigkeit“ zu suchen, meinte Schönbohm. „Meine Prognose ist“, fuhr er in Rage fort, „dass die Türkei irgendwann von selbst das Interesse an diesem Hippieverein verlieren wird!“

0 Kommentare

Neuester Kommentar