Kultur : Wasserspiele

Über Fluten: Rotterdams Architekturbiennale

Michael Brückner

Flutet Holland! Die Rotterdamer Architekturbiennale geht unter dem Titel „Die Sündflut“ ohne Furcht an ihr großes Thema Wasser und Stadtplanung heran. Um das Land, das zur Hälfte unter dem Meeresspiegel liegt – der Amsterdamer Flughafen Schiphol zum Beispiel liegt viereinhalb Meter darunter –, bei steigendem Pegel vor dem Untergang zu bewahren, möchte man den Fluten mehr Raum geben. Oder Teile der Wassermassen in kritischen Momenten kontrolliert „parken“, damit der Druck an anderer Stelle sinkt. Denn wenn vorne die Sturmflut drückt, stauen sich hinten Rhein und Maas. Was für altholländische Polderdorfgemeinschaften, in denen jeder am Erhalt der Deiche beteiligt ist, nach Prinzipienlosigkeit im Kampf gegen die Nordsee klingt, ist für die Kuratoren in Rotterdam nur eine weitere gestaltete Transformation der fast vollständig künstlichen niederländischen Landschaft. Schließlich haben die Holländer schon über 3000 Mal Gott spielen dürfen, indem sie sich neue Erde in ihren Poldern erschufen.

Die Rotterdamer Architekturbiennale findet erst zum zweiten Mal statt. Wie mit dem Thema Verkehr vor zwei Jahren wurde auch diesmal ein Sujet gewählt, das weltweit von Interesse ist. Der Tsunami zu Weihnachten hatte keine Programmänderung zur Folge, beförderte jedoch das Publikumsinteresse. Mit Wasser hängt schließlich irgendwie alles zusammen, und so versickert die Veranstaltung auch bisweilen in Beliebigkeit. Den harten Kern des Ganzen bilden allerdings Geschichte und Zukunft der niederländischen Landes- und Stadtplanung.

Eine aufwendige Schau im Gebäude des niederländischen Architekturinstitutes (NAi), erzählt mit großen Modellen die Geschichte und Funktionsweise der Polder. Daneben werden Amsterdam, Venedig und Tokio als großartige Beispiele für die Kunst gefeiert, Städte auf dem Wasser zu bauen. Während im alten Maashafen in „Water Cities“ über hundert Stadtmodelle aufgebaut sind, dreht sich die Ausstellung „Mare Nostrum“ um die halbe Welt: Anhand von 17 ausgesuchten Projekten setzt sich die Schau mit Massentourismus an Meeresküsten auseinander. In der kleinsten Sektion werden schließlich Vorschläge für den Umgang mit fließenden Wassermassen präsentiert.

Der Japaner Yusuke Obushi will durch Membrane auf dem Wasser Meereswellenbewegung in elektrische Energie umwandeln. Und in Südholland könnte eines Tages der größte Arm des Rheindeltas mit Deichen aus saugfähigem Kunststoff ummantelt werden. Statt Hochwasserwiesen also Schaumstoffgebirge zum Wassereinparken. Das Ganze natürlich bebaut: am besten mit Reihenhäusern, die bei fallendem Pegel durch ihr Eigengewicht den Megaschwamm unter sich sanft wieder ausdrücken.

Rotterdam, NAi, Museumspark 25, „Flow“ bis 21. August, „Polder“ und „Tree Bays“ bis 4. 9., „Mare Nostrum“ und „Water Cities“ im Hafengebäude Las Palmas, Wilhelminapier 66 – 68, bis 26. Juni.

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