Kultur : Wasserwege zum Erfolg

Doris Dörries modernes Kinomärchen „Der Fischer und seine Frau“

Julian Hanich

„Was will das Weib?“ fragte Freud, ohne eine Antwort zu geben. Spätestens seit Adam und Eva steht die Frage ganz oben in der Rangliste ungelöster Rätsel der Menschheit – weit vor „Wo liegt Atlantis?“ und „Warum ist die Banane krumm?“ Die Regisseurin Doris Dörrie, Deutschlands Garantin für Beziehungshumor in mittleren Lagen, glaubt in ihrem 51. Jahr forschenden Frau-Seins, eine Antwort gefunden zu haben: Frauen wollen immer und immer mehr. Um diese steile These zu untermauern, greift sie auf eine berühmte Geschichte der Brothers Grimm zurück und verlegt sie in die bundesrepublikanische Welt des Konsums und der neuen Geschlechterrollen: das Märchen vom Fischer und seiner Frau. Darin geht es bekanntlich um ein Weibsbild, das nie genug kriegen kann, während ihr Mann mit dem Erreichten längst zufrieden ist. Am Ende bringt die Gier der Frau das Ehepaar um die Früchte des Erfolgs, und beide kehren dorthin zurück, wo alles begann.

Diesem zyklischen Weltbild müssen sich auch Dörries Protagonisten Ida (Alexandra Maria Lara) und Otto (Christian Ulmen) fügen. Die Modedesignerin und der Fischveterinär lernen sich in Japan kennen, heiraten geschwind und bekommen alsbald Nachwuchs. Befeuert von Idas Ehrgeiz nehmen sie auf der sozialen Leiter drei Stufen auf einmal – bevor der jähe Absturz erfolgt: Sie wechseln vom Wohnmobil übers Reihenhaus bis in die Villa mit Seeblick, um schließlich wieder im Camper zu landen.

Wobei man sich schon fragen darf, wie die beiden überhaupt zusammenfinden konnten. Idas Kleidergeschmack ist elegant und extravagant; Otto liebt graue Strickpullis und Adiletten. Sie hat Alexandra-Maria-Lara-Rehaugen, er Schweinsäuglein und fettiges Haar. Sie giert nach Karriere; er lungert herum. Auf die Frage, wie es so sei im Schatten des Erfolgs, entgegnet er nur: „Ich hab ’ne Sonnenallergie – ich steh’ gern im Schatten.“ Mit den Wahrhaftigkeitsansprüchen des cinema verité lässt sich diese Beziehungskombination aus Superduperweib und personifiziertem Hängertum also kaum erklären. Hier hilft nur die Logik des Märchens.

Dennoch sollte man sich von den märchenhaften Elementen des Films nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass sich in seinem Kern ein zeitdiagnostischer Kommentar verbirgt. Dörrie interessiert sich für die Schwierigkeiten, die entstanden sind, seit der Feminismus den Männern eine Auflösung der rigiden Rollenverteilung abgerungen hat. Was passiert, wenn sie draußen in der Welt Karriere macht, während er sich um Kind und Haushalt kümmert? Dörries Antwort: Es geht schief. Idas Heißhunger auf immer mehr soziales Prestige bringen das Paar um sein Liebes- und Familienglück. Auch wenn sich Dörrie zunächst um einen ausgeglichenen Blick auf die Geschlechter bemüht, schiebt sie unter dem Strich doch dem weiblichen Ehrgeiz die Schuld in die Schuhe. Christian Ulmens schluffiger Otto steht letztlich als sympathischer Loser da, während Alexandra Maria Lara ihrer Ida einen leicht hysterischen Hautgout verleiht. Frauen sind noch längst nicht bei gesellschaftlicher Chancengleichheit angekommen, da verordnet Dörrie ihnen schon wieder Ruhe und Ordnung? Hinter dem dünnen Schleier der Konsumkritik lugt eine Apologie der passiven Frau hervor.

Für diese zweifelhafte Argumentation benützt Dörrie Bilder, die bunter als eine Tüte Gummibärchen sind. Sie schiebt ein Übermaß an Popsongs dazwischen, von denen nicht alle die Höhe ihrer Tantiemen rechtfertigen. Und sie bedient sich eines Humors, der nicht selten in die Untiefen des Klamauks abrutscht. Wie in „Ich und Er“ (1987), als sie das männliche Geschlechtsteil zum Sprechen brachte, verschafft sie auch hier einer sprachlosen Fleischmasse Gehör: In „Der Fischer und seine Frau“ sind es zwei Aquariumsfische, die mit leeren Luftblasen die Handlung kommentieren. Ein Schuft, wer dieses Geblubber als charakteristisch für den Film ansieht.

Ab Donnerstag in 12 Berliner Kinos

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