Kultur : Watte für den Todfeind

BORIS KEHRMANN

Andreas Scholl hat es geschafft.Der deutsche Countertenor ist - verdientermaßen - ein Superstar geworden.Die langen Schlangen vor den Kassen des fast ausverkauften Kammermusiksaals sprachen eine deutliche Sprache.Und in der Pause wurde klar, was viele Besucher neugierig gemacht hatte: die massive Radiowerbung war Foyergespräch.Zu hören bekam man das Programm von Scholls letzter Solo-CD für Harmonia Mundi France: sechs Arien aus drei Händel-Opern, dazu als Zugabe das Largo aus "Xerxes".In der Tat läßt sich nicht vieles denken, was dem lyrischen Altisten so vollkommen in der Kehle sitzt, wie Händels zart-melancholische Liebeserklärung an die platonischen Philosophen.

Mit einem Hauch Ironie und jenem phänomenalen Pianissimo, das sein Markenzeichen ist, hielt Scholl das eigentlich Larghetto notierte "Ombra mai fù" frei von jener triefenden Larmoyanz, die ihm das 19.Jahrhundert aus Unkenntnis des dramatischen Zusammenhangs angedichtet hatte.Auch Admeto, der Gatte der Alkestis in Händels gleichnamiger Oper, ist eine lyrische Natur.In der großen Einleitungsszene trieb Scholl die Todesängste des um Fassung ringenden Feldherren bis ins existentielle Fundament hinein.Und als der totgeglaubte Langobardenkönig Bertarido in Händels "Rodelinda" die Inschrift auf seinem eigenen Grabmal las, vermochte Scholl die Erschütterung eindrucksvoll zu verdichten.Nach solchen Szenen wirkten die beiden Arien aus "Julius Cäsar" - die gurrende Liebesarie "Se in fiorito", die listige Jägerarie mit Christian Dallmanns konzertierendem Horn - wie frivole Leichtgewichte.Der Abend zeigte aber auch, was Scholl nicht kann.Die rasanten Rachekoloraturen in Bertaridos "Vivi tiranno", dem Prunkstück aller hochdramatischen Countertenöre wirkten trotz erheblichen gestischen Aufwands so zierlich, als würde jemand Wattebäusche auf seinen Todfeind schleudern.Au fond ist Scholl ein begnadeter Lied- und Oratoriensänger, aber kein Mann für primo uomo-Rollen in Opern.Die Akademie für Alte Musik trug unter anderem acht instrumentale Schnipsel aus Händels Bühnenwerken.Einer davon hätte gereicht.

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