Webcomic : Zeichnen gegen die Mullahs

Fortsetzungsroman: Der Webcomic "Zahra’s Paradise" erzählt von der iranischen Protestbewegung. Die Helden dieser Geschichte sind Frauen mit Courage.

Susanne Schanda
Hommage an die Opfer. Zu erreichen unter www.zahrasparadise.com.
Hommage an die Opfer. Zu erreichen unter www.zahrasparadise.com.Foto: Screenshot Tsp

Als Reaktion auf den Protest gegen die Wahlmanipulationen wurden letztes Jahr im Iran neben den einheimischen auch die ausländischen Medien weitgehend ausgeschaltet. Blogs und Twitter erlebten einen Boom. Auch Amir, der iranisch-amerikanische Autor des Web-Comicromans „Zahra’s Paradise“ hält sich über diese Kanäle auf dem Laufenden. „Wir erleben eine Internetrevolution, die sich zu einer breiten gesellschaftlichen Bewegung entwickelt hat“, sagt der in den USA lebende Autor am Telefon. Aus Sicherheitsgründen nennt er nur seinen Vornamen.

„Im Internet lösen sich die Grenzen zwischen den Kulturen auf,“ erläutert Amir; www.zahrasparadise.com greift eben jene Bilder aus dem Iran auf, die via Internet die ganze Welt erreichten. „Eine Bildergeschichte wirkt unmittelbarer und stärker als ein bloßer Text.“ Comics, so Amir, seien ein fantastisches Medium des visuellen Zeitalters.

Früher drehte der Autor Dokumentarfilme. „Doch dieses Medium ist teuer, und man muss im richtigen Augenblick vor Ort sein.“ Weil er sich diesen Luxus auf die Dauer nicht leisten konnte, kam er auf die graphic novel, sie funktioniert schnell und billig. Die Idee eines Iran-Comics hegte er schon lange. Als sich mit den Wahlen dann die Protestwelle erhob, mit Bildern voller Energie und Hoffnung auf Veränderung, war es soweit. Der Comic erlaubte ihm, die Versatzstücke der Realität zu einer Geschichte zu collagieren. Der Comic wird von dem jüdisch-amerikanischen Autor und Verleger Mark Siegel in New York herausgegeben, bisher ausschließlich im Internet, jeweils montags, mittwochs und freitags, dank der Beteiligung ausländischer Verlage in zahlreichen Sprachen, darunter Englisch, Persisch, Arabisch, Hebräisch und Spanisch.

Der Titel bezieht sich auf den Friedhof Behesht-e Zahra im Süden Teherans, auf dem viele Opfer der Staatsgewalt begraben sind, darunter auch die Studentin Neda, die zum Symbol des Widerstands wurde. Behesht-e Zahra ist für Amir aber nicht nur ein Friedhof, "sondern auch ein Garten, in dem die Welt wiedergeboren wird. Die Toten sind nur tot, wenn wir sie vergessen."

Quelle: http://www.zahrasparadise.com

„Zahra’s Paradise“ setzt mit dem 16. Juni 2009 ein, vier Tage nach den Wahlen. Der 19-jährige Mehdi hat an der Großdemonstration am Teheraner Platz der Freiheit teilgenommen, bei der über eine Million Menschen riefen: „Wo ist meine Stimme?“ Seither ist Mehdi verschwunden. Seine Mutter und sein Bruder, der Erzähler, machen sich auf die Suche nach ihm. Sie gehen zum Freiheitsplatz, auf dem es zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und den Demonstranten gekommen war, pilgern von Spital zu Spital, sehen viel Blut und schwer verletzte Menschen. Doch nirgends eine Spur von Mehdi, auch nicht vor dem berüchtigten Evin-Gefängnis für politische Häftlinge, in dem zuletzt unter anderem der iranische Filmemacher Jafar Panahi monatelang festgehalten wurde. Im nächtlichen Teheran stehen Männer und Frauen auf den Dächern, sie recken die Arme gen Himmel und rufen „Allahu Akbar“.

Amir war zwölf Jahre alt, als er während der islamischen Revolution 1979 mit seiner Familie das Land verließ. „Meine Erfahrung mit der Religion war von einer liebevollen Großmutter geprägt, sie war Teil unserer Kultur. Der Islam, wie er heute im Iran indoktriniert wird, ist dagegen verdorben und korrupt. Ich halte die 30-jährige Islamische Republik für ein Experiment wie den Marxismus. Das Experiment ist gescheitert“, sagt er.

Amir hat in Afghanistan gelebt, in Europa und Kanada. Über Blogs und Websites der Reformbewegung sowie durch Gespräche mit Freunden und Verwandten ist er mit seiner alten Heimat in Verbindung geblieben, so machen es viele Exiliraner. Amir gehört zu einer Generation, die zwischen den Kulturen aufgewachsen ist: „Meine Wurzeln sind im Iran, aber meine Flügel konnte ich in den USA entfalten.“

„Zahra’s Paradise“ ist sein erster Comic-Fortsetzungsroman. Er hat eine Rohfassung geschrieben, die einzelnen Seiten erarbeitet er fortlaufend zusammen mit seinem arabischen Zeichner. „Khalil hat ein wunderbares Gespür für den Iran und seine Menschen, obwohl er nicht Iraner ist“, sagt Amir und freut sich über dessen blitzschnelle Auffassungsgabe. Neben bewegten Demonstrationszügen in Teherans Straßen gelingen Khalil besonders die Gesichter der Schergen des Regimes mit ihren Bärten. Und die Frauenfiguren. Denn die Heldinnen des Webromans sind Frauen mit Zivilcourage.

Die Mutter Zahra zieht auf der Suche nach ihrem Sohn stundenlang durch Teheran und schreckt auch nicht davor zurück, vor dem Evin-Gefängnis einen hohen Beamten herauszufordern.

Quelle: http://www.zahrasparadise.com

Zahras Freundin Miriam wiederum raucht und trinkt gerne Alkohol, sie macht sich wenig aus religiösen und anderen Verboten. Als Zahra ihr erzählt, wie ihr die Geburt Mehdis damals wie ein Geschenk Gottes vorgekommen sei, erwidert Miriam sarkastisch: „Nun, Gott hat uns auch Khomeini gegeben. Ich brauche noch einen Scotch.“

Für die Zivilcourage der Iranerinnen steht die junge, kokette Frau im Internet-Café, die mit ihrem Nachbarn flirtet und den neugierigen Besitzer mit der Bemerkung in die Schranken weist: „Ich bezahle hier für die Internet-Zeit. Wenn ich einen Zensor brauche, zahle ich extra; was verlangen Sie dafür?“ Auch der Studentin Neda, deren Sterben mit einer Handy-Kamera gefilmt und weltweit verbreitet wurde, widmet der Comic eine Seite. An Zahra Kazemi, die 2003 im Gefängnis zu Tode gefolterte iranisch-kanadische Fotojournalistin, wird ebenfalls erinnert.

Amir und Khalil stehen mit „Zahra’s Paradise“ in der Tradition der in Paris lebenden iranischen Künstlerin Marjane Satrapi. In ihrem inzwischen verfilmten Comicroman „Persepolis“ von 2000 hat sie die islamische Revolution anhand ihrer eigenen Biografie künstlerisch dokumentiert. Satrapi ist für Amir Vorbild und Inspirationsquelle: „Ihr kommt das Verdienst zu, in ihrem Comic Iranerinnen und Iraner gezeigt zu haben, die hinter der offiziellen Fassade der islamischen Republik an der Veränderung arbeiten, engagierte, intelligente Personen, von denen man im Westen nie etwas hört.“

Satrapi inspiriert mittlerweile auch andere Exiliraner. So hat ein junges iranisches Autorenpaar in Schanghai „Persepolis 2.0“ ins Netz gestellt, mit Satrapis Einverständnis. Der 10-Seiten-Comic ist eine Fortsetzung von „Persepolis“ nach der Wahl 2009. Letztes Jahr publizierte der in Iran geborene Berliner Künstler Hamed Eshrat außerdem seinen Comic „Tipping Point – Téhéran 1979“ in einem französischen Verlag. In dem als Abschlussarbeit seines Kommunikationsdesign-Studiums entstandenen Comic erzählt Eshrat die Geschichte seiner Eltern während des politischen Umbruchs Ende der 70er Jahre.

„Zahra’s Paradise“ wird vom Knesebeck-Verlag ab September auch in deutscher Übersetzung ins Netz gestellt. Und nächstes Jahr, wenn die Geschichte abgeschlossen sein soll, wird Amirs Webroman in Buchform erscheinen, in mindestens elf Sprachen.

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