Kultur : Weg mit dem Gestühl

ANDREAS KRIEGER

Zugegeben, alt und ein bißchen muffig sind sie geworden, auch ihre eingebaute Belüftung hat nie richtig funktioniert. Und trotzdem haben wir sie liebgewonnen, die graugrünen, kuschlig-weichen Sessel in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Doch ihre Tage sind gezählt - auch wenn ihnen jetzt noch eine Gnadenfrist eingeräumt wurde.Die neue Leitungs-Troika der Kammerspiele, bestehend aus dem Regisseur Stefan Otteni, dem Dramatiker Martin Baucks und der Regisseurin Christina Paulhofer, will ja - wie bereits berichtet - nicht nur den Spielplan, sondern auch die Spielstätte total umkrempeln. Das bedeutet: Raus mit den muffigen Sitzmöbeln! Weg mit dem schrägen Boden! Durch eine Verlängerung der Bühne über die Rampe bis unter den Rang soll ein waagrechtes Parkett entstehen, das man als Arena nutzen kann. Es werden aber auch weiterhin Guckkasten-Produktionen möglich sein.Eigentlich sollte in den Sommerferien umgebaut werden, doch die Behörden zögerten zu lange mit der Genehmigung. Jetzt werden die Handwerker erst im Januar anrücken. Die Kurzferien Anfang des Jahres werden auf den ganzen Monat ausgedehnt, die Kammerspiele in dieser Zeit auf Vordermann gebracht. "Neue Führung, altes Haus", heißt es also noch, wenn die nächste Spielzeit der Kammerspiele am 21. August mit der Repertoire-Aufführung von Lessings "Minna von Barnhelm" beginnt. Für die einzige Premiere vor dem Umbau inszeniert Lore Stefanek im Oktober "King Kongs Töchter" von Theresia Walser. Bis zur letzten Vorstellung im alten Glanze, die am kommenden Silvesterabend stattfindet, bedient man sich aus dem Repertoire.Wenn schließlich die "neuen" Kammerspiele am 1. Februar ihre Pforten öffnen, wird an den zwei anderen Berliner Theatern mit neuer Führungsspitze - dem Berliner Ensemble und der Schaubühne - längst gespielt. Da es viel nachzuholen gibt, sollen bis Anfang März fünf Premieren gezeigt werden. Mit Robert Musils "Die Schwärmer" (Regie: Stefan Otteni) und Torquato Tassos "Aminta" (Regie: Christina Paulhofer) wird erstmals Kammerschauspiel in der Arena stattfinden. Zeitgenössische Literatur soll auf der Hinterbühne gezeigt werden - den Anfang machen die Gewaltstücke "Hasenfratz" des Hausautors Martin Baucks (Regie: Christina Paulhofer) und "Familiengeschichten. Belgrad" der serbischen Dramatikerin Biljana Srbljanovic (Regie: Aureliusz Smigiel). Im bewährten Guckkasten wird Hausherr Otteni schließlich Moritz Rinkes "Mann, der noch keiner Frau Blöße entdeckte" herausbringen. Nach diesem Auftakt-Marathon sind weitere Premieren in dichter Reihenfolge vorgesehen.Auch das Foyer wird künftig als Spielstätte genutzt. Neben Künstlergesprächen und kleinen Inszenierungen findet hier ein weiteres ehrgeiziges Projekt eine Heimat: Einmal wöchentlich wird eine Gruppe des Ensembles zusammen mit einem Gast- oder Hausregisseur das Magazin "Der Spiegel" zu einem Theaterstück zusammenfassen. "Sowohl in den Artikeln als auch in den Werbeseiten kann man sehr interessante Figuren finden", so Hausautor Martin Baucks. Jede Woche sollen knapp 60 Minuten produziert werden. "Mit der Zeit wird es vielleicht sogar Serienfiguren geben", hofft Baucks, der die geplanten zehn Folgen abschließend zu einem Theaterabend eindampfen möchte.Ob das Ensemble gerne bei solchen Späßchen mitmacht? "Das Konzept hat keine Jubelstürme im Ensemble ausgelöst", sagt der Sprecher des Deutschen Theaters, Klaus Siebenhaar. Daß nun vor allem junge Regisseure an den Kammerspielen arbeiten werden, wurde dagegen vom Ensemble sehr begrüßt.Bleibt abzuwarten, wie das Publikum auf das neue Programm reagieren wird. Die Kammerspiele brauchen eine Auslastung von 75 Prozent, wenn sie keine Verluste machen wollen. "Wir müssen wohl auch Nachtvorstellungen spielen, um die Unkosten reinzubringen", fürchtet Baucks. Die Finanzierung der Umbaumaßnahmen ist dagegen gesichert. Der Förderverein des Deutschen Theaters unterstützt das Vorhaben mit einer halben Million Mark, und der Senator für Bauen, Wohnen und Verkehr gibt noch mal 240 000 Mark dazu, damit längst fällige Feuerschutzmaßnahmen durchgeführt werden können.Für die "Black Box", die das Trio eigentlich in die Kammerspiele setzen wollten, hat das Geld allerdings nicht gereicht. "Jetzt müssen die Bühnenbildner bei jeder Aufführung den historischen Raum verstecken", seufzt Baucks. Ganz ist das Thema "Black Box" aber noch nicht vom Tisch. "Auf jeden Fall werden wir im Lauf der Spielzeit den Saal so verkleiden, daß der Original-Raum nicht permanent präsent ist."Das Bühnenbild soll ohnehin nicht im Mittelpunkt der Inszenierungen stehen. "Ausstattungs- und Bildertheater funktioniert im großen Haus viel besser. In den Kammerspielen sollen dafür die Schauspieler in einer größeren Intimität gezeigt werden", sagt Baucks und verspricht, daß - außer bei der Guckkastenvariante - in Zukunft kein Zuschauer weiter als vier Meter von den Schauspielern entfernt sitzt. Da verzichtet man doch gerne auf die bequemen Sessel, die mit Beginn des neuen Jahrtausends in die Lagerräume des Deutschen Theaters wandern.Und wenn Bernd Wilms - neuer, durchaus umstrittener Intendant des Deutschen Theaters ab 2001 - die bequemen Polstersitze doch wieder haben möchte, gibt es keine Probleme: Die Kosten für eine komplette Wiederherstellung des jetzigen Plüsch-Ambientes sind in der Umbau-Finanzierung bereits mit eingeplant.

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