Kultur : Weg mit den runden Tischen!

Ein Gespräch mit Schaubühnen-Chef Jürgen Schitthelm

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Herr Schitthelm, Sie sind nicht zufrieden mit dem Bericht zur Zukunft der deutschen Bühnen, der diese Woche an Bundespräsident Rau überreicht wurde. Warum nicht?

Runde Tische sind dazu da, einen Konsens herzustellen. Aber in der jetzigen dramatischen Situation kleistert jeder Konsens die Probleme nur zu. Für eine Gewerkschaft ist es legitim, wenn sie an Tarifverträgen festhalten will, nicht aber für einen Theaterintendanten. Uns liegt zum Beispiel daran, die Arbeitsbedingungen des nichtkünstlerischen Personals denen der Künstler anpassen zu können. Das betrifft das ungelöste Problem der geteilten Dienste genauso wie den Tischler, der nicht in einem anderen Bereich hinter den Kulissen tätig werden darf. Selbst wenn er das möchte, wird es ihm vom Personalrat wegen seiner Arbeitsplatzbeschreibung untersagt. Wir müssen endlich flexibler arbeiten können.

Dieses Problem wird im Bericht der aus Intendanten und Gewerkschaftern bestehenden Arbeitsgruppe ja angesprochen. Auch die Forderungen nach mehr Autonomie und weniger Bürokratie sind doch wohl in Ihrem Sinne.

Das ist alles nicht falsch, aber ich kann es nicht mehr hören. Die Situation verändert sich nicht durch ständige Wiederholung der immergleichen Forderungen. Schon vor zehn Jahren ging es um mehr Eigenverantwortlichkeit und Flexibilisierung. Jetzt findet wieder einmal eine Reformdebatte statt, und in einem Vierteljahr wird sich wieder einmal nichts geändert haben. Verdi zum Beispiel hat es bis heute nicht fertig gebracht, dem Deutschen Bühnenverein, bei dem ja die Kompetenz für den Theaterbereich versammelt ist, die Tarifhoheit für das nichtkünstlerische Personal zu übertragen. Nein, die öffentliche Hand nimmt diese Hoheit immer noch selber wahr.

Wie ist es zu dieser verfahrenen Situation überhaupt gekommen?

40 Jahre alte Bundesrepublik, das waren 40 Jahre mit wachsendem Wohlstand. Alle Probleme wurden mit mehr Geld zugekleistert. Das war eine schöne Zeit. Aber sie ist ein für allemal vorbei. Deshalb müssen wir jetzt klären, wie wir mit weniger Geld Kultur schaffen können. Natürlich ist es schön, wenn die Öffentlichkeit aufgefordert wird, über die Situation der Theater zu diskutieren. Aber was nutzt es uns, wenn die Arbeitsgruppe fordert, dass Kultur über die Gemeindeverordnung oder die Umlandfinanzierung eine Pflichtaufgabe der Kommunen und Länder werden muss? Wir brauchen gar nicht von Berlin zu sprechen, es genügt der Blick auf ganz normale Städte wie Augsburg oder Schleswig: Es ist doch absolut weltfremd zu glauben, dafür sei dort in der jetzigen Zeit Geld übrig! Und wer entscheidet eigentlich, wie viele Theater ein Bundesland braucht, damit es seine Kulturverpflichtung erfüllt?

Was müsste denn Ihrer Meinung nach geschehen?

Ich wünsche mir 15 bis 20 konkrete Vorschläge, die benennen, was jetzt ganz schnell passieren muss.

Und das wäre?

Einer davon müsste die Orchestertarifverträge betreffen. Die Musikergewerkschaft leistet heftige Widerstände, was etwa die Flexibilisierung von Arbeitszeiten betrifft. Man sollte sich außerdem grundsätzlich darauf verständigen, die Theaterbetriebe in private Rechtsformen zu überführen, in GmbHs oder Stiftungen. Damit übernimmt der einzelne Intendant oder Geschäftsführer die unmittelbare finanzielle Verantwortung und braucht nicht mehr für jede Maßnahme die Zustimmung der Verwaltung.

Die Schaubühne ist eine GmbH und hat trotzdem Finanzprobleme.

Aber wenn der Berliner Senat eine fünfprozentige Haushaltssperre verhängt, sind wir davon nicht betroffen. Davor schützen uns die Rechtsform und der Zuwendungsvertrag. Es gibt bei uns keinen automatischen Stellenstopp, trotzdem sind die Personalzahlen in privatrechtlich geführten Häusern kleiner als in staatlichen Regiebetrieben. Grundsätzlich gilt: Wir müssen uns zu den Konflikten bekennen, auch zu denen in den eigenen Reihen. Es sind ja längst nicht alle Intendanten einer Meinung, wenn es zu klären gilt, was wir selbst zur Reduktion der Unterfinanzierung beitragen können. Die Zeit der runden Tische ist jedenfalls vorbei. Wir brauchen stattdessen viel mehr Streiträume.

Das Gespräch führte Christiane Peitz.

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