Kultur : Weg vom Rand

Eine Berliner Diskussion zum Patriotismus

Bernhard Schulz

Zumindest einen gemeinsamen Bezugspunkt fand die Podiumsdiskussion, die am Dienstag in der Repräsentanz der Dresdner Bank als 46. Runde der Reihe „Pariser Platz“ veranstaltet wurde: das schwarz-rot-goldene Fahnenmeer während der sommerlichen Fußball-WM. „Nationalstolz, Patriotismus – Wertewandel in unserer Gesellschaft?“ lautete das Thema. Der streitbare Historiker Arnulf Baring nennt es „ein Armutszeugnis, dass wir uns immer noch mit der Geschichte von vor 60 Jahren in den Haaren liegen, statt uns um die Zukunft zu kümmern“, doch das bleibt ein anfänglicher Ausbruch. Selbst Pop-Journalist Ulf Poschardt zeigt sich vom deutschen Sommer angetan – und später von „polizeistaatlichen Mitteln“ gegen Rechtsradikale. Wie auch „Spiegel“-Kulturchef Matthias Matussek. Der nennt es „einen ganz wichtigen Sieg“, die „nationalen Symbole vom rechten Rand weggeholt und in die Mitte gestellt zu haben“. Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach fordert ganz allgemein „Vaterlandsliebe“ und zeiht das deutsche Schulsystem des Versagens: Wir müssten alles daran setzen, „unsere fa-bel-haf-ten Werte“ zu vermitteln. Knapper der Autor Rafael Seligmann, der von Migranten die Entscheidung verlangt, „wollen wir Deutsche werden oder eine fremde Kolonie bleiben“. Die vorhersehbare Frage des Moderators nach der „Leitkultur“ reizt keinen der fünf Diskutanten zur Erörterung.

Was ist denn überhaupt patriotisch? Baring gibt sich betont liberal: „Jeder sei ein Deutscher auf seine Weise – aber er sei’s!“ Doch dann verweist Seligmann auf die ultima ratio: „Man muss bereit sein, sich für seine Heimat totschlagen zu lassen. Ein Staat, dessen Männer nicht bereit sind, für ihr Vaterland zu sterben, wird untergehen.“ Das mochte keiner hören, und so entfleuchen die Teilnehmer der von Deutschlandradio Kultur und dem Fernsehsender Phoenix veranstalteten Runde in friedlichere Gefilde. Heines „melancholisches Gefühl, sich mit seiner Nation zu identifizieren“, gefällt Matussek. Baring macht bei den Deutschen, diesem „sehr emotionalen Volk“, „einen ungeheuren Bedarf“ aus, „sich als gemeinsames Volk zu fühlen“. Niemandem kam der Franzose Ernest Renan in den Sinn, der 1882 die Nation als „tägliches Plebiszit“ definiert hatte. Dieses Votum in Deutschland zu erkennen, reichen heitere WM-Fanmeilen wohl doch nicht aus.

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