Wege der Einsamkeit : Jeder isst für sich allein . . .

. . . hätte aber lieber Gesellschaft. Im Forum werden japanische Filme gezeigt, die den Mikrokosmos menschlich-einsamen Daseins beleuchten. Allen voran "Asyl" mit vier einsamen Frauen, deren Wege sich auf einem Dachgarten kreuzen.

Christiane Peitz
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Ratlos und ruhelos: Akie Namiki als Borderlinerin in "Musunde-hiraite". -Foto: Berlinale

BerlinEin Dachgarten in Tokio. Ein paar Bänke, Stühle, eine Schaukel, mehr nicht. Die Leute kommen gerne hierher, die Kinder hecken Streiche aus, eine Frau stillt ihr Kind, alte Männer verabreden sich zum Brettspiel. Und abends schickt Tsuyako (Tsuyako Tamaki) sie alle wieder freundlich nach Hause. Sie ist die Besitzerin des Stundenhotels, die die Leute jeden Tag auf ihr Dach lässt, auf diese kleine Oase mitten in der Häuserwüste von Tokio.

„Asyl“ von Izuru Kumasaka versammelt seltsame, stille Protagonisten. Tsuyako, die Mittfünfzigerin mit dem ungeschminkten, verhärmten Gesicht, die nichts von sich preisgibt, nichts von dem Mann, den sie einst hatte, oder dem Kind, das sie sich wünschte. Mika, das Mädchen, das sich die Haare grau färbt und in Tsuyakos Love-Hotel strandet, weil ihr Vater sich eine neue Familie zugelegt hat. Die Walkerin, die jeden Tag am Hotel vorbeikommt und ihre Schritte zählt. Seit 16 Jahren läuft sie durch die Stadt und verzeichnet akribisch ihre Schritte. Und Marika, die Nymphomanin, die mit wechselnden Lovern ins Stundenhotel kommt und Spermien sammelt.

Vier Frauen in Tokio. Tägliche Routine, kleine Verhärtungen, scheue Freundlichkeiten. Jede lebt für sich allein. Nur wenn es sie auf den Dachgarten verschlägt, teilen sie manchmal etwas von sich mit. Von ihrer Einsamkeit, ihren Fantasien. Profil, Halbprofil, Frontalaufnahme. Die Kamera versucht verschiedene Einstellungen, ein fragender Gestus. Und manchmal denkt man, auch den Protagonisten der anderen japanischen Forums-Spielfilme täte ein Besuch in Tsuyakos Dachgarten gut. Denn auch sie leben entfremdet in den eigenen vier Wänden, hätten gern Familie oder wenigstens ein bisschen Gesellschaft.

In „Musunde-hiraite“ – der Titel zitiert einen Abzählvers – ist es das Schweigen zwischen den Smalltalks. Junge Leute treffen sich auf einer Hochzeit, drei Schlüssel werden vertauscht, der Alltag gerät ins Stocken. Eifersucht, häusliche Gewalt, Verunsicherungen, Selbstmordgedanken. Takahashi Izumi inszeniert das Banale und die Magie, beengte, vorläufige Behausungen, Gesichter am äußersten Bildrand, leere Plätze, ein Gewitter, klingelnde Handys. Gestörte Kommunikation, ersehnte Verbindlichkeit, gefährdete Seelen. Während Ton und Bild aus den Fugen geraten, schießt eins der Mädchen Fotos, genau wie Mika in „Asyl“, um sich der eigenen Existenz zu vergewissern. Wirklichkeitssplitter, die aus dem Zeitkontinuum herausragen, eine ratlose, wie betäubte Generation. Und immer die Frage, ob man ein Zuhause findet oder wenigstens einen vorläufigen Halt.

In „Higurashi“ sind es Mutter und Sohn. Taeko stellt ihrem 27-jährigen Sprössling die Mahlzeiten auf den Küchentisch, er verzehrt sie, wenn Taeko weg ist. Das totale Schweigen, nur ab und zu eine Notiz. Entschuldigung, ich habe vergessen, Kohl zu kaufen. Warum sie nicht reden? Vielleicht aus Enttäuschung, weil der Junge vor Jahren durchs Examen gefallen ist. Die Mutter kann sich nicht einmal mehr an seine Stimme erinnern. Bis Taeko einen Job als Sexarbeiterin annehmen muss. Und dann stolpert auch noch Uehara in das Leben der beiden hinein, der tollpatschige Zeitschriftenverkäufer, der sich um seine halbwüchsige Tochter sorgt und verzweifelt versucht, seine Schulden bei einem Kredithai zu begleichen.

Auch der Film von Hirosue Hiromasa (der den Bordellchef spielt und auch in „Musunde-Hiraite“ auftritt) zeigt eine leere, den Menschen abgewandte Welt. Niemand sonst auf der Straße. Die Kamera bevorzugt Rückenansichten, drückt sich auf den Fluren herum, traut sich nicht in den Raum, fühlt sich nicht zugehörig. Beklemmende, stillgestellte Existenzen. „Ich habe nur meine Arme und Beine, ein hässliches Gesicht und einen leeren Kopf“, sagt Uehara. Aber er hat einen Traum und beharrt stur darauf. Das steckt die anderen an.

In „Asyl“ übernachtet Mika einmal bei Tsuyako. Beide können nicht schlafen und reden im Dunkeln. Wie hat dein Mann gerochen, will Mika wissen. Die Leinwand ist schwarz. Es gibt Dinge, von denen man sich kein Bild machen kann. Auch das ist Kino: die Erinnerung an einen Duft, ein Trost im Dunkeln. Alle drei Filme gönnen ihren Helden ein provisorisches Happy End.

„Asyl“: Heute 17.30 Uhr (Cinestar 8), 13.2., 22.45 Uhr (Cubix 9), 15.2., 16.45 Uhr (Delphi), 16.2., 20 Uhr (Colosseum 1)

– „Musunde-hiraite“: Heute 20 Uhr (Arsenal 1), 13. 2., 10 Uhr (Cinestar 8), 14.2., 19.30 Uhr (Delphi), 15. 2., 12.45 Uhr (Cubix 7)

– „Higurashi“: 13. 2., 15 Uhr (Cubix 7), 14. 2., 17.30 Uhr (Cinestar 8), 15. 2., 22.15 Uhr (Delphi), 16. 2., 15 Uhr (Arsenal)

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