Kultur : Wege in die Produktion

Peter Laudenbach

Vor einigen Jahren hat Thomas Brussig in seinem Mauer-Bestseller "Helden wie wir" einem anderen, etwas älteren Mauerroman ein kleines, böses Denkmal gesetzt. "Der geheilte Pimmel", so die Überschrift des Schlusskapitels, in dem der Held mit Hilfe seines beachtlichen Geschlechtsorgans die Mauer zu Fall bringt, parodiert einen Klassiker der DDR-Literatur. In Christa Wolfs Roman von 1963 ("Der geteilte Himmel") kommt die Mauer nicht zu Fall, im Gegenteil, und auch so hässliche Vokabeln wie bei Brussig sucht man in ihrer Liebesgeschichte vergebens. Bei allen Konflikten, Seelenergießungen und Reifungsprozessen zur entwickelten sozialistischen Persönlichkeit, die die Hauptfigur Rita Seidel durchmacht, ist diese Welt seltsam kuschelig.

Von solcher Behäbigkeit ist in Sebastian Hartmanns Theateradaption des Romans an der Volksbühne wenig übrig geblieben. Aber auch der präzise Spott Brussigs oder der genaue Blick in die Geschichte interessieren ihn nicht besonders. Stattdessen: Stereotypen des Zeitkolorits plus Häme, Klamauk plus Gleichgültigkeit dem Stoff gegenüber. Wie schon Leander Haussmann in seiner Volksbühnen-Aufführung der "Legende von Paul und Paula" unternimmt Hartmann eine kleine Zeitreise in die DDR, bei der er Sentiment mit groben Karikaturen und oberflächlichem Hohn mischt. Die DDR der frühen sechziger dient allenfalls als klischierte Kulisse, vor der junge Menschen Jugend spielen. Cordelia Wege als Rita Seidel ist immer noch ein properes deutsches Mädel wie aus einem DEFA oder UFA-Film: unschuldig, süß und herzallerliebst naiv. Mit rotem Faltenrock und blütenweißer Bluse macht sie sich auf den Weg in den Sozialismus und absolviert mit staunenden Kulleraugen ein Praktikum in der Waggonfabrik. Nur ab und zu bricht etwas wie Leben oder Sehnsucht durch die idealistische Biederkeit. Dann tanzt sie, als wollte sie das ganze Sozialismus-Gerede von sich abschütteln. Aber weil sie keine besonders gute Tänzerin ist, gelingt ihr das leider nicht.

Tobias Langhoff, lang, schmal und sehr lässig, gibt ihren Geliebten. Weil er später in den Westen gehen wird, trägt er spitze Cowboystiefel, schwarzen Existentialisten-Rolli und Rock¥n¥Roll-Koteletten. Der Westen ist einfach cooler, wir haben es immer geahnt. Dafür hat der Osten in Gestalt des Strebers Mangold (Fabian Hinrichs) Ideale und eine hässliche Krawatte: Ein Würstchen mit Drang zum Höheren, ein Bubi, der gerne große Reden hält, eine Karikatur, so ungenau und wirkungsverliebt wie die ganze Inszenierung. Hartmann zitiert viele Bilder aus dem Fundus der Volksbühne. Junge Menschen warten gelangweilt an der Rampe darauf, dass irgendwas passiert. Mürrische Proleten (Kurt Naumann und Peter René Lüdicke) zerfetzen ein Propagandaplakat. Feiste Bürger verschwinden in der Versenkung. Manchmal wird routiniert getobt. Oder die Drehbühne rotiert. Oder auf Filmprojektionen starten Raketen. Oder in einem Büro wird lustlos der voreheliche Beischlaf vollzogen. Aber leider haben all diese Bilder nichts zu bedeuten. Sie sind leer. Sie bestehen nur aus ihrer Oberfläche. Sie erschöpfen sich im Effekt, Wirkung ohne Ursache. Einmal zieht sich Naumann aus. Dann malt er sich mit roter Farbe an. Dann zieht sich Cordelia Wege aus. Dann malt er sie mit roter Farbe an. Vielleicht ein Bild für Unschuld und Kommunismus und Jugend. Vielleicht auch nicht. Völlig beliebig. Wie die ganze Inszenierung. Als Berliner Theatergänger vernimmt man mit einer gewissen Verwunderung, dass Sebastian Hartmann als Oberspielleiter am Deutschen Schauspielhaus Hamburg eine neue Wirkungsstätte gefunden hat.

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