Kultur : Wegweiser ins Nirgendwo

Zwischen Departement und Depardieu: Cosima von Bonins erste Berliner Einzelausstellung in der Galerie Neu

Knut Ebeling

Die Frau um die vierzig ist nicht nur Zielgruppe zahlloser Frauenzeitschriften, sondern neuerdings auch der Kunst. Diverse Überblicksausstellungen haben in jüngster Zeit die Dame zwischen Kind und Karriere entdeckt und unter phänomenologischen, soziologischen und ästhetischen Gesichtspunkten ausgeleuchtet. Auch die Kölner Künstlerin Cosima von Bonin hat in ihrer ersten Berliner Einzelausstellung das Thema aufgegriffen – wie sich von Bonin ohnehin diverser postfeministischer Motive „Zwischen Departement und Depardieu“ annimmt – eine Kennzeichnung, mit der sie selbst 1995 eine Installation in München beschriftet hat. Zweifellos aufgrund dieser wilden und zugleich berechnenden Freude an der Aneignung von allem und jedem avancierte sie in den Neunzigerjahren zu einer der wichtigsten deutschen Gegenwartskünstlerinnen, die mit Musik und Film arbeitet, Videos, Performances und andere Künstler produziert, als Kuratorin und DJ auftritt.

Tatsächlich wirken in von Bonins Ausstellung diverse Frauen aus verschiedendsten Kontexten mit: Alexis Colby und Christle Ferrington aus dem Denver-Clan, romantische Frauenfiguren von den Beardsley-Stoffen – und natürlich jene Figur, die bereits auf dem Ausstellungsplakat wenig charmant mit „fat, female, forty, fade“ vorgestellt wird – laut von Bonin, die im letzten Jahr selbst vierzig wurde, die bedenklichste Risikogruppe für Herzattacken.

In der Galerie Neu erhält man nicht unbedingt den Eindruck, als hätte sich die Künstlerin einem besonderen Risiko ausgesetzt. Die Ausstellung wird dominiert von wandgroßen Stoffbildern, die bereits zu ihren Markenzeichen geworden sind, seit sie 1995 damit begann, in Erinnerung an Polke Herrentaschentücher zusammenzunähen (zwischen 20 000 und 32 000 Euro). Während das Material Stoff und das Handwerk des Nähens unmittelbar weiblich konnotiert sind, können ihre Stoffe nicht fern genug her kommen. Die romantischen Beardsley-Stoffe mit den ebenfalls stets in Tüchern gehüllten Damen, die von fern an Sarah Kay erinnern, waren ein Restposten in einer Villa bei Woodstock – was natürlich wieder ein Verweis ist, der von ihr unter der Hand eingespielt wird.

Auf den englisch-diskreten Wandbehängen sind wiederum interessante und merkwürdige Dinge aufgenäht, übergroße Zäune mit Pudeln oder einfach Hände. Manchmal gibt es auch Reißverschlüsse. Einmal formen die Nähte Buchstaben. Immer aber münden die wiederkehrenden Elemente einer Sprache aus Stoff in geheimnisvoller Verrätselung, immer führen ihre Wegweiser ins Nirgendwo. Vermutlich ist das ein Grund dafür, dass die Wandbehänge einen eher unheimlichen Eindruck verbreiten.

Als wolle sie ihre eigene Unzugänglichkeit zitieren, verstellt die Künstlerin den Eingang in ihren white cube mit einem weißen Kasten, bei dem man entweder an Pferdeboxen oder Umkleidekabinen denken muss. Natürlich erfährt man bald darauf, dass das letztere zutrifft, zitiert von Bonin doch eine Szene aus Denver-Clan, in der Alexis und Christle simultan und in dem selben Kleid aus einer Umkleidekabine marschieren. Vielleicht nur um zu zeigen, dass man auch ohne ungewöhnlichen Körperumfang in die genannte Risikogruppe fallen kann.

Galerie Neu, Philippstraße 13, bis 25. Oktober; Dienstag bis Sonnabend 11 – 18 Uhr.

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