Kultur : Wegzwitschern und zurückbellen

LITERATUR

Stephan Schlak

Über die Lücke, die der philologische Teufel in Grimms Wörterbuch lässt – ausgerechnet im Band „W bis Wegzwitschern“ fehlt der Eintrag „Wegzwitschern“, amüsierte sich Hans Magnus Enzensberger gestern prächtig. Kein Wunder, versteht sich doch kein anderer so auf die Kunst des Wegzwitscherns. Unlängst war der Luftgeist noch im Editionsnebel verschwunden, nun tauchte er zu einem seiner äußerst seltenen Vorträge im Leibniz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften wieder auf, um den „Tag der Geisteswissenschaften“ zu eröffnen.

Enzensberger sprach über seine obsessive Liebe zu Wörterbüchern. Als Siebenjähriger ließ er ein kleines Englisch-Lexikon im Warenhaus mitgehen. Der Pimpf konnte zwar vorerst wenig damit anfangen, aber als die Amerikaner ein paar Jahre später vor der Tür stehen, spricht er längst deren Sprache. Wie wenig andere hat Enzensberger später zur politischen und kulturellen Alphabetisierung seines Landes beigetragen.

Heute macht Enzensberger zu allem eine heitere Philologenmiene, und wird nur noch ein wenig zornig, wenn er auf den „autoritätshörigen“ Duden zu sprechen kommt. Und es missfällt ihm „die technokratische Attitüde“ heutiger Editoren, die den Musenworten immer weniger Platz einräumen. Zuletzt hat Enzensberger aber selbst wenig musisch auf philologische Vorbehalte reagiert. Heftig hat er auf Kritiker eingeschlagen, die ihm seine schludrige „Anonyma“-Herausgabe des Kriegsendetagebuchs „Eine Frau in Berlin“ in der „Anderen Bibliothek“ vorhielten. Buchstabiert man so philologische Souveränität, und zählt das Zurückbellen zur Kunst des Wegzwitscherns? Pausenlos ging Enzensbergers Vortrag in die Sektion „Deutungshoheit“ über. Stephan Schlak

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