Kultur : Wehen des Fanatikers - Thilo Werner kämpft in der Schaubühne gegen das Böse

Sandra Luzina

Draußen vor der Tür: Eine verhuschte Gestalt in blauem Parka schleicht durch die Nacht. Mit befangenem Lächeln betritt der Schauspieler Thilo Werner den winzigen Raum, in dem gerade mal fünfzig Zuschauer Platz finden. In seinem weinroten Pullunder und den abgelatschen Hush-Puppies-Schuhen ist er von einer fast schon schreienden Unauffälligkeit, er ist die Gestalt gewordene Verlegenheit. Niemand würde sich wundern, wenn er gleich den "Wachturm" aus der Tasche zöge.

Die neue Schaubühne hat auch dies im Angebot: Schauspieler erarbeiten sich ohne großen inszenatorischen Aufwand einen Text. Den Anfang macht - unterstützt von Rachel West und Ralf Käselau - Thilo Werner; mit "Misterman" von Enda Walsh ("Disco Pigs") fiel die Wahl auf einen Text, der sich diesmal nicht hautnah an jugendliches Lebensgefühl ranschreibt. Der irische Autor und Theatermacher liefert das Psychogramm eines Außenseiters. Thomas, Mitte dreißig, reibt seiner pflegebedürftigen Mutter die Brust mit Wick Vaporub ein, einen Ersatz für den toten Dad hat er in Gott gefunden, weil einer doch aufpassen muss auf die Menschen und auf Thomas. Die mütterliche Liebe hält den irischen Goldjungen klein (die Stimme der Mutter trägt Thomas auf Kassette immer bei sich), aufrichten kann er sich nur in seinem religiösen Eifer. Ob seiner Mission hegt er keine Zweifel. Thomas ist auf dem Kreuzzug gegen das Böse. Dass sich hinter dem herbei geredeten Zorn Gottes eigene Bestrafungsphantasien verbergen, wird schnell deutlich.

Vorsichtig knabbert Thilo Werner an seinem trockenen Keks aus dem Spar-Markt. Die Realität bietet sich Thomas als eine Kette von Versagungen und Entsagungen dar, und so flüchtet er sich sich in seinen Wahn. Auf einer Wolke - so seine Lieblingsfantasie - schwebt Thomas über der verkommenen Welt, ein Erwählter. Mit dem Zorn eines (Selbst-)Gerechten beamt er sich in die Wirklichkeit zurück. Als große Strafpredigt hat Enda Walsh das Stück nicht angelegt, er beschreibt vielmehr den Mikrokosmos einer irischen Kleinstadt, akzentuiert dabei weniger das Kauzige, eher das Bornierte der ewigen Provinz. Thilo Werner schlüpft in zahlreiche Rollen, er gibt den nölenden Punk, die aufdringlich-quasselnde Wirtin. Obwohl er diese Rollenwechsel mit großer Geschmeidigkeit vollzieht, gleicht das Stück hierin einer Schauspieler-Etüde.

Der Komplexbeladene, der unter der eigenen körperlichen Unbeholfenheit leidet, lädt am Ende Schuld auf sich. Leider zieht Walsh hier durchgekaute sozialpsychologische Erklärungsmuster aus der Schublade. Die angehimmelte Edel ist beileibe kein Engel, als Thomas dies endlich kapiert, schlägt er zu. Thilo Werner, ein dünnhäutiger, feinnerviger Schauspieler, muss sein ganzes Repertoire aufbieten, damit man das Interesse an dem Gutmenschen nicht verliert. Präzise wechselt er zwischen zitternd-nervöser Erregung und körperlicher Erstarrung, er weiß die Hemmungen und Verklemmungen mit nuancenreicher Komik darzustellen.

Am Ende steht der zornige Rächer wie ein begossener Pudel da. Bei den flammenden Reden gegen das Böse bleibt es nicht, Thomas imaginiert den Weltbrand herbei und die Pyrotechniker der Schaubühne ziehen eine Feuerspur durch die Nacht. Wahn und Wehe eines Fanatikers und Muttersöhnchens - ein sehenswertes Stück dank Thilo Werner.Wieder am 15. und 16.4. (22 Uhr) sowie am 17.4. (21 Uhr), Schaubühne a. Lehniner Platz

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