Kultur : Wehende Schleier

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Sigrid Kopfermann malt heftig, rasch und bewegt. Manche der meist großformatigen, abstrakten Kompositionen entstehen an nur einem Tag, bisweilen wird ein Werk aber auch erst ein Jahrzehnt später aus dem Atelier entlassen. Wie die zwei Ölbilder „Nach dem Höllensturz“ von 1992/2002 (je 3800 Euro), die Kopfermann nach Auguste Rodins „Höllentor“ malte. In einer der schwarzen und roten Variationen lässt sich aus dem rechten Blickwinkel eine Figur vage erahnen: eine Larve, ein Teufelchen vielleicht. Doch ebenso wie Kopfermanns Landschaftsmotive die Summe der Naturerfahrung präsentieren, subsumiert der Höllensturz die pure Dynamik des Rodinschen Monumentalreliefs. Die 1923 in Berlin geborene Malerin fängt sie mit roten, braunen und blauen Flecken ein. Dicht aneinander gesetzte Sequenzen lassen den Sog des Falls spüren, der sich zum unteren Bildrand zum wirbelnden Höllenschlund steigert. Wenngleich das Thema schlüssig aus dem Bild wächst, kommt Kopfermann ohne jegliches Pathos in der Formgebung und Farbigkeit aus. Der bewegte Gestus, eine hellblaue Diagonale allein reichen ihr, um die Richtung zu weisen.

Die Stärke der in Düsseldorf lebenden Malerin, die für ihr Lebenswerk mit dem Preis der Darmstädter Sezession geehrt wurde, liegt in der Leuchtkraft ihrer Farben. Selbst in den dunkel gestimmten Valeurs von „Wachsen I“ (8200 Euro) wirken die gedämpften Blau- und Grüntöne vital. Zudem verleiht die trockene Verarbeitung des Öls dem Bild eine feine, samtene Oberflächenstruktur. Das Geflecht der Farben, ihr Neben- und Miteinander gerät dabei so selbstverständlich wie der Wechsel der Jahreszeiten. Wie wehende Schleier breiten sich die Schichten aus und bleiben dabei so kompakt, dass sie nie zu verwehen drohen und jede Farbe ihre ureigene Kraft behauptet.Michaela Nolte

Galerie Hartmann & Noé, Knesebeckstraße 32, bis 13. Juli; Dienstag bis Freitag 11-18.30 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr.

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