Kultur : Wehrt euch!

Ousmane Sembène kämpft mit „Moolaadé“ gegen die Beschneidung der Mädchen

Christina Tilmann

Bilder, die bleiben: der Scheiterhaufen mit Radios, der zu qualmen beginnt, und die Radios spielen weiter, sinnloses Rauschen. Die seltsame Moschee, rund aufgetürmt wie ein Ameisenhügel, niemand betritt sie je durch die enge, niedrige Tür. Der fliegende Händler und sein Verkaufsstand – BHs, T-Shirts, Plastikschüsseln baumeln an Zweigen. Der Hof, immer peinlich sauber gefegt, eine Oase der Ruhe. Die Frauen in ihren bunten Kleidern. Dazu die ängstlichen Mädchen in weißer Kluft. Und die unheimlichen Beschneiderinnen: In ihren roten Umhängen halten sie die Messer verborgen.

Afrika: Welches Afrika überhaupt – und was wissen wir davon? Das Bürgerkriegs- und Völkermordland Sudan mit seinen Reitermilizen und Kindersoldaten, oder die Wüste Äthiopiens, in der Tausende von Kindern verhungern? Die Großstadtslums von Lagos oder die stillen Dörfer Senegals mit ihren Lehmbauten und schattigen Dorfplätzen?

Der Senegalese Ousmane Sembène, mit 85 Jahren „Vater“ und legendärer Vorkämpfer des afrikanischen Kinos, ist ein streitbarer Mann. Schnell wirft er im Gespräch Europäern Ignoranz und einen kolonialistisch-herablassenden Blick vor: „Was wisst ihr von Afrika? Afrika ist groß, ist nicht Deutschland oder Frankreich, sondern hundert Mal Deutschland oder Frankreich.“ Und bekennt gleichzeitig ein gespaltenes Verhältnis zur Heimat, wenn er sagt: „Afrika ist ein Hure.“

Ein angriffslustiger Einzelkämpfer – barfuß sitzt Sembène im Hotelzimmer, im Schlafanzug, eingeflogen zur „Moolaadé“-Preview in Berlin. Und kämpft an allen Fronten: gegen die „faschistischen Methoden“ der Zensur im Senegal, gegen das Zerrbild seiner Heimat als unterentwickeltes, abhängiges Land. Und in „Moolaadé“ gegen das Ritual der Beschneidung von vorpubertären Mädchen, gegen die Unterdrückung der Frau in der patriarchalischen Gesellschaft Afrikas. Obwohl: Ousmane Sembène würde wahrscheinlich sagen: Er kämpft nicht gegen, er kämpft für etwas. Für Mut. Für gemeinsamen Widerstand. Für Freiheit.

So einfach, so klar. Archaische Bilder. Und ein Film von ungeheurer Wucht. Unbedingt in seiner Botschaft, differenziert in den einzelnen Charakteren. Sembènes „Moolaadé“, auf vielen Festivals, auch in Cannes vor einem Jahr gefeiert, kommt nun endlich in die deutschen Kinos. Seine Heldin Collé (Fatoumata Coulibaly) ist die geliebte Nebenfrau von Ciré, dem Bruder des Dorfältesten. Ihre Tochter soll den Sohn des Dorfältesten heiraten, sie selbst flirtet selbstbewusst mit dem Händler. Eine respektierte, eine starke Frau, eine Schönheit zumal.

Vier Mädchen suchen sich bei ihr vor der Beschneidung zu retten – doch mit ihrem Einsatz für die Kinder lässt sich Collé auf einen Kampf ein, in dem plötzlich niemand mehr zu ihr hält, ihr Mann nicht, der sich als Schwächling beschimpft sieht, die Mitfrauen nicht, die den Zorn des Dorfes fürchten, und die Mächtigen schon gar nicht. Was ihr hilft, ist eine Tradition namens „Moolaadé“, ein Asylraum mittels Bannfluch, den sie um ihren Hof errichtet. Was auch hilft, ist ihr Mut. Den Ausschlag gibt schließlich einer von außen, der Händler, der den Peinigern die Peitsche entreißt. Und die Radios. Dort hat ein Imam gesagt: „Beschneidungen sind im Islam nicht vorgeschrieben.“

Ein Religionskonflikt also, und ein Traditionskonflikt. Seit Jahrzehnten kämpfen Menschenrechtsorganisationen gegen die barbarische, oft unter katastrophalen hygienischen Bedingungen durchgeführte Technik der Beschneidung. Weltweit sind rund 130 Millionen Frauen betroffen, jährlich kommen zwei Millionen hinzu. In einigen islamischen Rechtsschulen ist sie Pflicht. Es bedeutet also viel, wenn ein 85-jähriger Afrikaner wie Sembène dagegen einen Film macht. Und darin zu verstehen gibt: Die Frauen selber müssen sich wehren, nur so ändert sich etwas. Frauen wie Collé: unangepasst, leidenschaftlich, furchtlos.

Kann sein, dass wir zu wenig von Afrika wissen. Doch die Botschaft von „Moolaadé“ versteht jeder Mensch.

In Berlin im Kant und in den Hackeschen Höfen (beide OmU)

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